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Kandahars Bürgermeister : „Die Polizei wird mich töten“

Wo Virginia weit weg ist: Bürgermeister Ghulam Haider Hamidi empfängt politische Prominenz Bild: Christoph Bangert/laif

Ghulam Haider Hamidi arbeitete in Virginia als Buchhalter in einem Reisebüro. Jetzt ist er der Bürgermeister von Kandahar - eine der wohl gefährlichsten Aufgaben der Welt. Wo früher nur der Terror blühte, lässt er Sonnenblumen auf den Verkehrsinseln anpflanzen.

          Um 8.31 Uhr eilt der Bürgermeister in sein Büro. „Probleme, Probleme“, murmelt Ghulam Haider Hamidi, als wolle er sich für die einminütige Verspätung entschuldigen. „Ich habe keinen Stellvertreter, ich habe keine qualifizierten Mitarbeiter“, stottert er, noch bevor er seine Aktentasche abgestellt hat. Der schmächtige ältere Herr, der immer ein leicht gequältes Lächeln auf den Lippen trägt, ist Bürgermeister von Kandahar, einer der gefährlichsten Städte der Welt. Im April starb sein erster Stellvertreter, erschossen während des Gebets in einer Moschee. Im Oktober wurde dessen Nachfolger begraben, ermordet auf dem Heimweg von der Arbeit von zwei Männern auf einem Motorrad.

          Friederike Böge

          Politische Korrespondentin für Ostasien.

          Seither ist die Stelle unbesetzt. So wie die meisten Stellen in der Stadtverwaltung von Kandahar, für die sich trotz hoher Arbeitslosigkeit keine geeigneten Bewerber finden. Eigentlich stehen dem Bürgermeister 119 Mitarbeiter zu. Aber in seinem von hohen Zementmauern umgebenen Amtssitz arbeiten nur 46 Angestellte. Viele von ihnen sind Gärtner, Putzkräfte, Köche und Küchenhilfen. „Hamidi ist eine One-man-show“, sagt ein westlicher Diplomat in Kandahar. Kaum jemand traut sich, für den Bürgermeister zu arbeiten, denn die Taliban setzen immer wieder Auftragskiller auf Regierungsmitarbeiter an.

          Nachts verteilen sie Drohbriefe in der Stadt, um die Aufbaubemühungen zu torpedieren. Im Gegenzug hat Hamidi nun die Gehälter seiner Angestellten verfünffacht. Statt 60 Euro wie im Rest des Landes, verdient ein städtischer Ingenieur bei ihm jetzt 300 Euro. Amerikaner und Kanadier pumpen Millionen nach Kandahar. Alles geschieht in der Hoffnung, die Kontrolle über jene Provinz zu gewinnen, in der die Taliban 1994 ihren Ursprung nahmen und die nach wie vor als ihre wichtigste Hochburg gilt. Der Aufbau der Verwaltung hat Priorität. Deshalb kommt es nun auf Männer wie Ghulam Haider Hamidi an.

          Über den Präsidentenbruder Ahmad Wali Karzai, dem auch schon Landdiebstahl vorgeworfen wurde, verliert Hamidi kein Wort.

          Er ist ein ungewöhnlicher Partner. Bis vor vier Jahren war er Buchhalter in einem Reisebüro im amerikanischen Bundesstaat Virginia. Fast 20 seiner 64 Lebensjahre hat er in Alexandria verbracht, einer amerikanischen Kleinstadt, gar nicht weit entfernt von der Zentrale des Geheimdienstes CIA in Langley. Die meisten seiner 14 Enkelkinder leben in Amerika. Trotzdem klingt sein Englisch noch immer so, als hätte er in all den Jahren den Gedanken an eine Heimkehr nie ganz aufgegeben.

          Die grünste Stadt Afghanistans

          Und tatsächlich: Eines Tages rief Präsident Hamid Karzai an, den Hamidi aus Jugendzeiten kennt, und bot ihm die Stelle des Bürgermeisters in seiner Heimatstadt an. Der Sohn einer Aristokratenfamilie hatte die Verwaltung als Hort der Ordnung in Erinnerung. In den sechziger Jahren, als er Kandahar verließ, um Finanzbeamter in Kabul zu werden, gab es noch einen gewählten Bürgermeister mit einem ordentlichen Beraterstab. Was Hamidi 2007 schließlich vorfand, dürfte ihn schockiert haben. Mit ehrlicher Empörung spricht Hamidi über den Mangel an öffentlichen Toiletten, über Händler, die mit ihren Waren die Bürgersteige blockieren, und über Amtsvorgänger, die im Garten der Behörde Hundekämpfe und Marihuana-Partys veranstalteten.

          Einmal Buchhalter, immer Buchhalter. Hamidis erste Sorge galt der Stadtkasse. „Als ich anfing, hatten wir drei Millionen Afghani auf der Bank“, sagt Hamidi. Das entsprach knapp 50.000 Euro, war also gerade genug, um die Gehälter seiner Mitarbeiter vier Monate lang zu bezahlen. Inzwischen sei das Guthaben der Stadt auf 260 Millionen Afghani angewachsen. Mit diesen knapp fünf Millionen Euro will er nun Straßen asphaltieren, Bäume und Blumen pflanzen lassen. Schon jetzt gehört die Hauptstadt des Terrors zu den grünsten Städten Afghanistans, auf deren Verkehrinseln Sonnenblumen und Gemüse wachsen.

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