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Tausende auf den Kanaren : Corona zwängt noch mehr Migranten in die Boote

Zwei Boote kommen auf Gran Canaria an, wo sie von anderen Migranten schon erwartet werden. Bild: EPA

Die Pandemie hat die Krisen in Afrika verschärft. Deshalb versuchen jetzt viele Menschen, die dort keine Zukunft mehr sehen, auf die Kanaren zu fliehen.

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          Nachts zwängen sie sich in die Fischerboote. Viele steuern erst einmal weit in den Atlantik hinaus, um der Küstenwache zu entgehen. Andere pirschen sich etappenweise die Küste entlang in Richtung Norden. Gut 1200 Kilometer Weg liegen vor ihnen. Wenn die See ruhig ist, sind sie eine Woche später am Ziel: auf den Kanaren.

          Hans-Christian Rößler
          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Hinter ihnen liegt dann Afrika. Zum Beispiel der Ort Saint-Louis in Senegal. Er gleicht seit dem Frühjahr einer Geisterstadt. Die europäischen Touristen, die sonst per Direktflug aus Paris zum Badeurlaub oder zum internationalen Jazz-Festival kommen, blieben weg. Von ihnen und vom Fischfang konnten die Einwohner der Stadt im Nordwesten Senegals bislang gut leben. Rund 100.000 Arbeitsplätze hängen in dem Land vom Tourismus ab. Doch seit im März die Corona-Pandemie ausbrach, reisen keine Urlauber mehr in Länder wie Senegal oder nach Marokko.

          Dafür machen sich immer mehr Menschen aus West- und Nordafrika auf den Weg nach Europa, allerdings über einen lebensgefährlichen Umweg: Statt durch die Sahara, über Libyen und das Mittelmeer führt eine der wichtigsten Migrationsrouten jetzt auf die Kanaren. Mehr als 18.000 Migranten sind dort in diesem Jahr schon gelandet, jeden Tag kommen Hunderte neue an – aus Marokko, Mauretanien, Senegal; einige stechen sogar in Gambia in See, das 2400 Kilometer von dem spanischen Archipel entfernt liegt. Rund 600 Boote schafften es schon in diesem Jahr.

          Auf der Hafenmole von Arguineguín im Südwesten von Gran Canaria ist kein Platz mehr. An manchen Tagen drängten sich dort bis zu 2300 Neuankömmlinge, die registriert und auf Corona getestet werden. Ihre ersten Nächte verbringen die meisten unter freiem Himmel. Nur ein Dutzend Duschen und ein paar Dixie-Toiletten stehen für sie bereit. „Lager der Schande“ nennen spanische Medien die erste Anlaufstelle für alle neuen Migranten. Nicht nur wegen der katastrophalen Lage in Arguineguín will die spanische Regierung jetzt so schnell wie möglich Zeltlager für bis zu 7000 Menschen errichten. Etwa 5500 Migranten sind momentan in Hotels und anderen Ferienanlagen untergebracht, die wegen der Corona-Krise leer stehen. Es sollen „möglichst menschenwürdige“ humanitäre Bedingungen entstehen, bevor die Migranten so bald wie möglich in ihre Herkunftsländer zurückgebracht werden.

          Dabei wollen die Neuankömmlinge am liebsten sofort weiter nach Europa, Spanien, Frankreich oder Deutschland. Die spanische Regierung flog jedoch bisher nur wenige Personen aufs Festland, die besonders schutzbedürftig sind. Man will verhindern, dass die westliche Route nicht noch mehr Migranten anzieht. „Europa will uns in eine Gefängnisinsel verwandeln“, schimpfen kanarische Politiker. Menschenrechtler befürchten, dass sich wiederholen könnte, was auf der griechischen Insel Lesbos geschehen ist, wo Tausende Migranten festsitzen. Einwohner wollen kein „zweites Moria“, das die Touristen abschrecken könnte. Sie haben die Cayuco-Krise im Jahr 2006 nicht vergessen. Damals landeten fast 32.000 Westafrikaner auf den Kanarischen Inseln.

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