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Tausende auf den Kanaren : Corona zwängt noch mehr Migranten in die Boote

25 Millionen könnten Arbeit verlieren

Txema Santana arbeitet für die Hilfsorganisation CEAR. Er warnt davor, auf den neuen Ansturm mit alten Rezepten wie Massenabschiebungen und Abschreckung zu reagieren. „Dieses Mal besteht eine enge Verbindung zur Pandemie. Es sind immer mehr Menschen darunter, die wirtschaftlich von Covid-19 betroffen sind.“ Er und seine Kollegen treffen unter den Neuankömmlingen auf viele Senegalesen und Marokkaner, die in ihrem Land Reiseführer, Taxifahrer oder Straßenverkäufer waren, als der Tourismus boomte. Das Virus hat nicht nur ihre Branche zerstört, sondern auch die Wirtschaftskrise verschärft, mit der sie schon zuvor in ihrer Heimat zu kämpfen hatten. Die Afrikanische Entwicklungsbank befürchtet, dass 25 Millionen Afrikaner ihre Arbeit verlieren könnten.

In Senegal hat das schon begonnen. Dort kamen viele Menschen bereits vor Corona kaum über die Runden. 2006 füllten sie schon einmal die Boote, die aus Saint-Louis auf die Kanaren aufbrachen. Die Arbeitslosenquote liegt nach den jüngsten Angaben der Internationalen Organisation für Arbeit bei 48 Prozent. Aber die jungen Senegalesen arbeiten meist im informellen Sektor und erhalten keine Unterstützung vom Staat. In den Fabriken gab es viele Entlassungen, die Kaufkraft ist gesunken. Mehr als ein Drittel der Senegalesen hat allein wegen Covid die Arbeit verloren, wie das nationale Statistikamt meldete. Die meisten Arbeitslosen tauchen jedoch in keiner offiziellen Statistik auf, neun von zehn Senegalesen leben ohne jede Versicherung als Straßenhändler und Tagelöhner von der Hand in den Mund. Um Geld zu verdienen, müssen sie ihre Häuser verlassen können. Doch das verhinderten die Corona-Ausgangssperren.

Die Migrationsexpertin Fatou Faye von der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Dakar sieht das mit Sorge. „Senegalesen aus Europa posten im Internet Videos, in denen sie berichten, dass Europa Arbeitskräfte auf den Feldern braucht und gute Löhne zahlt.“ Immer mehr stiegen in die Boote, weil die Reisekosten im Vergleich zu früher sogar gesunken seien. Früher habe die Überfahrt auf die Kanaren umgerechnet 760 Euro und mehr gekostet. Da viele junge Senegalesen wegen der Pandemie weniger Geld haben, sei der Preis auf bis zu 300 Euro gefallen. Die Boote steuern dann oft senegalesische Fischer, die auch keine Zukunft mehr für sich sehen. Die Fischbestände vor der westafrikanischen Küste haben stark abgenommen, auch weil die europäischen Fangflotten mit den Einheimischen konkurrieren.

Trockenheit lässt Ernten schrumpfen

Im Westen und Norden Afrikas macht sich außerdem der Klimawandel immer stärker bemerkbar. Besonders die zunehmende Trockenheit lässt die Ernten schrumpfen. In Marokko versiegen nicht nur in den Oasen die Quellen. Auch in der Landesmitte und im Westen bleibt der Regen aus. Die Dürre, die Jugendarbeitslosigkeit und jetzt auch noch die Pandemie lasteten schwer auf der Region, heißt es bei der marokkanischen Menschenrechtsorganisation AMDH. Arbeitslosenhilfe gibt es nicht, die meisten der jüngeren Einwohner hatten noch nie eine reguläre Arbeit. Mindestens die Hälfte aller Ankömmlinge auf den Kanaren sind mittlerweile junge Marokkaner, deren Weg zunächst in die Westsahara führt. Von der Küste des von Marokko annektierten Gebiets aus brechen die meisten Boote in Richtung Kanaren auf. Auch für viele Westafrikaner hat sich die Hafenstadt Dakhla in einen wichtigen Brückenkopf verwandelt, denn die Überfahrt auf die spanischen Inseln ist von dort aus viel kürzer.

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