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Weißbuch 2017 : Kanadas neue militärische Ambitionen

  • -Aktualisiert am

Ein kanadischer Kampfpanzer des Typs Leopard 2A4 während der Militärübung „Maple Resolve“ in Wainwright im Bundesstaat Alberta. Bild: Reuters

Mögliche Deals zwischen Großmächten lassen in Kanada die Alarmglocken schrillen. Amerikas nördlicher Nachbar reagiert: Mit mehr Geld, mehr Truppen und mehr Engagement in der Nato und den Vereinten Nationen.

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          Die Vorstellung von Kanadas neuem Weißbuch für Sicherheitspolitik folgte einer feinen Orchestrierung. Einen Tag bevor Verteidigungsminister Harjit Sajjan bekanntgab, den Wehretat in zehn Jahren um 70 Prozent hochzufahren, gab seine Kollegin, Außenministerin Chrystia Freeland in einer Grundsatzrede vergangene Woche den Kurs für die Militärinvestitionen vor. Kanada will als Militärmacht an Profil gewinnen. Dabei geht es weniger um einen Kurs eigener Stärke für mehr Gestaltungsfreiheit. Das Land will sich mehr in den Vereinten Nationen und der Nato einbringen, um die etablierte multilaterale Sicherheitsarchitektur in ihrer Bedeutung zu erhalten.

          Der Grund dafür ist: „Falls Mittelmächte sich nicht selbst einbringen, um weltweit Frieden und Stabilität zu fördern, bleibt es den Großmächten überlassen, dies unter sich zu regeln“, so Freeland. Kanada, das machte die Außenministerin deutlich, sieht durch die „America first“ Politik der Trump-Regierung ein Konzert der Großmächte drohen. Deals zwischen Amerika und Russland oder auch China könnten die gewachsene Weltordnung aus multilateralen Sicherheits- und Handelsabkommen zum Erodieren bringen und damit das Umfeld, von dem Kanada seitdem Ende des Zweiten Weltkrieges profitiert.

          Damit die Streitkräfte künftig mehr Verantwortung übernehmen können, soll der Wehretat von zurzeit rund 12,8 Milliarden Euro auf fast 22,2 Milliarden Euro 2027 angehoben werden. Bei genauer Betrachtung sind diese Investitionen wenig imposant. Laut Verteidigungsminister Saijan ist das eine Erhöhung von zurzeit 1,2 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP) auf 1,4 Prozent ab 2024/25. Damit wäre Kanada aber immer noch weit entfernt vom zwei Prozent-Ziel der Nato.

          Als wichtigstes Rüstungsprojekt für das Land, das von drei Ozeanen umgeben ist, gilt die Anschaffung von 15 neuen Überwasserkampfschiffen. Sie sollen die zwölf in die Jahre gekommenen Halifax-Fregatten ersetzen sowie die inzwischen stillgelegten Zerstörer der kanadischen Marine. Das Vorhaben stand schon im vergangenen Weißbuch von 2008; wurde wegen der weltweiten Rezession im Zuge der Finanzkrise aber zurückgestellt. Bei der Luftwaffe soll endlich Ersatz für das Kampfflugzeug CF-18 „Hornet“ kommen; das noch auf die Zeit Anfang der 80er Jahre zurückgeht. Statt 65 Stück, wie von der konservativen Vorgängerregierung geplant, will die liberale Trudeau-Regierung nun 88 Flugzeuge beschaffen. Auch bewaffnete Drohnen sollen erstmals beschafft werden. Laut dem Befehlshaber der Kanadischen Streitkräfte, General Jonathan Vance, seien diese aber nicht für Tötungsoperationen vorgesehen, wie sie die Vereinigten Staaten durchführen. Die Drohnen sollten lediglich die Palette konventioneller Waffen für das klassische Gefechtsfeld erweitern.

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          Neben diesen Rüstungsvorhaben ist ein Aufwuchs der Truppenstärke vorgesehen - um 3500 Mann auf dann 71 500. Zudem soll der Reservedienst attraktiver werden, unter anderem mit Hilfe eines Rekrutierungsprozesses, der statt Monaten nur noch Wochen dauert.

          Global will sich Kanada mit bis zu zwei größere Missionen mit 500 bis 1500 Mann bei den Vereinten Nationen und der Nato einbringen. Eine davon als Führungsnation wie zurzeit beim Nato-Bataillon in Lettland, dass der Rückversicherung der baltischen Staaten gegen Russland dient.

          Für das Kernvorhaben der neuen Sicherheitsstrategie, sich in der Nato zu profilieren, könnte die Chance Kanadas durch die Sicherheitspolitik einer engen Partnernation kommen. Großbritannien möchte wieder verstärkt als eigenständige, global agierende Militärmacht auftreten. Leuchtturmprojekt dieses Vorhabens sind zwei Flugzeugträger, die Mitte der 2020er Jahre operationsfähig sein sollen. Damit wollen die Briten an der Seite der Vereinigten Staaten im Pazifik operieren. Die Bedeckung der Träger wird einen Großteil der britischen Marine binden, deren Schiffsbestand in den kommenden Jahren noch abnimmt. Seine traditionelle Führungsrolle im Nordatlantik, der transatlantischen Versorgungsroute der Nato, wird Großbritannien schwer aufrechterhalten können. Hier könnte sich Kanada mit seinen Marine-Kräften verstärkt einbringen, um dieses Seegebiet zu sichern, das für die Nato von erstrangiger Bedeutung ist. 

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