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Andreas Ross (anr.)

Kampf gegen „Islamischer Staat“ : Amerikas längster Krieg

  • -Aktualisiert am

Kein Ende in Sicht: Im Krieg gegen den Terror muss Obama ein neues Kapitel aufschlagen Bild: AP

Der amerikanische Präsident glaubt, der Irak sei noch zu retten, Syrien hat er längst aufgegeben. Obama kann nicht erwarten, dass die Araber auf seine Führung setzen, wenn ihm eine Strategie fehlt. Der Vormarsch der Dschihadisten bleibt sein Problem.

          Barack Obama erwartet nicht, dass die Terrorgruppe „Islamischer Staat“ vernichtet sein werde, wenn er in gut zwei Jahren das Weiße Haus verlassen wird. So klar formuliert er das nicht. Aber der amerikanische Präsident hat am Wochenende ein „systematisches und methodisches“ Vorgehen gegen die Dschihadisten angekündigt, wofür der Kampf gegen Al Qaida die Blaupause sein soll.

          Demnach will Obama die Kämpfer des „Islamischen Staats“ zunächst in ihr „Kernland“ zurückdrängen, also ins syrische Bürgerkriegsgebiet. Dort will er ihnen Schritt für Schritt die militärischen und logistischen Möglichkeiten beschneiden, ihren Aktionsradius verkleinern und ihre Anführer töten. „Im Laufe der Zeit“, versprach Obama der Welt in Wales, „können sie dann nicht mehr die gleiche Art Terroranschläge verüben wie zuvor.“

          Ein Jahrzehnt hatte es nach den Anschlägen vom 11. September 2001 gedauert, bis es den Amerikanern gelang, den Al-Qaida-Anführer Usama Bin Ladin zu töten. Die Stammesgebiete im Nordwesten Pakistans sind damit noch lange nicht vom militanten Islamismus befreit, und Bin Ladins Nachfolger hat soeben die Expansion des Terrornetzes nach Südasien verkündet.

          Nicht zuletzt die Freie Syrische Armee, die zwischen den Truppen Baschar al Assads und den Dschihadisten aufgerieben und deren Kampfkraft immer geringer wird, sollte sich also klarmachen, was die Analogie des Präsidenten bedeutet. Sollte sie, wie vor Jahresfrist nach Assads Giftgasattacken, noch einmal auf eine westliche Intervention zu hoffen gewagt haben, so sieht sie sich wieder getäuscht. Die Allianz, welche die Amerikaner nun in der Golf-Region schmieden wollen, dient der Stabilisierung des Iraks. Den glaubt Obama noch retten zu können, Syrien nicht.

          Leere Floskeln, keine Strategie

          Das schließt nicht aus, dass die Amerikaner demnächst auch Stellungen des „Islamischen Staats“ in Syrien aus der Luft angreifen könnten. Doch angesichts der Machtkämpfe nicht nur zwischen Sunniten und Schiiten, sondern auch unter den Sunniten von Ankara bis Riad kommt Washington die Befriedung des Iraks ehrgeizig genug vor. Niemand im Westen gibt sich der Illusion hin, dass irgendeine Truppe auf absehbare Zeit willens und fähig wäre, dem syrischen Gemetzel Einhalt zu gebieten. Dass das ohne einen Einsatz von „Bodentruppen“ gehen könnte, glaubt aber auch niemand.

          Seit einem Jahr verspricht die Obama-Regierung, die nicht vom Dschihad besessenen Assad-Gegner stärker zu unterstützen; aber dieses Versprechen hat sich bisher als leere Floskel erwiesen. Wann immer der Präsident sich dafür rechtfertigen muss, dass er die Freie Syrische Armee nicht schon vor Jahren aufrüsten ließ, lässt er durchblicken, dass er die Truppe nie ernst genommen hat.

          Ob sich heute ein helleres Bild in Syrien böte, wenn Washington den Rebellen in großem Stil Waffen geliefert hätte, werden vermutlich auch Historiker nie klären können. Alle, die im politischen Streit so tun, als hätte es je eine geradlinige Option zur Vermeidung des Chaos in und um Syrien gegeben, argumentieren unredlich.

          Diesen Vorwurf kann man Obama nicht machen, wenn er der Welt die Lehren zu vermitteln sucht, die er aus 13 Jahren Antiterrorkrieg seit 2001 gezogen hat. Doch der Präsident darf sich nicht mit Drohungen an die Dschihadisten einerseits und einem Lob der Bedachtsamkeit andererseits begnügen. Obama kann nicht erwarten, dass die Araber auf seine Führung setzen, wenn er treuherzig verkündet, er habe noch keine Strategie.

          Das syrische Problem wird vertagt

          Das Weiße Haus hat die Terrorarmee des Abu Bakr al Bagdadi unterschätzt und dadurch Zeit verloren. Unverzüglich müssen nun mehrere Staaten am Golf dazu gebracht werden, Geldtransfers an die Dschihadisten zu unterbinden. Niemand darf das Öl kaufen, das der „Islamische Staat“ verkauft. Die Türkei muss ihre Grenze zu Syrien besser kontrollieren. Aber das reicht nicht. Solange Washington nur auf Sicht fährt, das syrische Problem vertagt und keine Perspektive bietet, wird es die zerstrittenen Anrainer des Kriegsgebiets nicht zusammenschweißen.

          In der Ukraine-Krise ist es legitim, dass die Amerikaner die Krisenbewältigung weitgehend den Europäern überlassen. Doch die EU wäre kaum an den Punkt gelangt, an dem ihre Sanktionen dem russischen Aggressor erhebliche Schmerzen zufügen, hätte Washington sie nicht zum Jagen getragen. Obama hat recht: Auch für den Irak und für Syrien gibt es keine Lösung ohne ein dauerhaftes Engagement der Nachbarn. Am Golf aber gibt es keine Angela Merkel, der er die Führung antragen könnte. Der Vormarsch der Dschihadisten bleibt sein Problem.

          Vermutlich werden in gut zwei Jahren, wenn Obamas Amtszeit abläuft, kaum noch amerikanische Soldaten in Afghanistan stationiert sein. Wenn der Präsident und Außenminister Kerry in den nächsten Wochen ganze Arbeit leisten und sie die Regionalmächte darauf verpflichten, für die Lebensfähigkeit und Wehrhaftigkeit des Iraks einzustehen, dann könnten 2016 auch die gut tausend Amerikaner wieder daheim sein, die Obama bisher widerstrebend als Berater und Beschützer nach Bagdad und Arbil entsandt hat. Aber im Krieg gegen den Terror muss Obama ein neues Kapitel aufschlagen. Ein Ende ist nicht in Sicht.

          Andreas Ross

          Redakteur in der Politik.

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