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Kampf gegen IS : Der Kurswechsel der Monarchen

  • -Aktualisiert am

Koalitionstreffen: Obama und Vertreter der fünf arabischen Länder, die sich an den Angriffen gegen den IS beteiligen Bild: AFP

Lange hatten die Herrscher der reichen Golfstaaten nur indirekt in den Syrien-Krieg eingegriffen. Jetzt fliegen sie dort Einsätze – auch gegen einstige Zöglinge. Der amerikanische Präsident zollt ihnen „volle Anerkennung“.

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          Seite an Seite mit den Außenministern seiner arabischen „Partner und Freunde“ präsentierte sich Präsident Barack Obama in New York. Er sei „voller Anerkennung“ für ihren Einsatz, sagte der amerikanische Oberbefehlshaber den obersten Diplomaten Bahreins, Qatars, Saudi-Arabiens, Jordaniens und der Vereinigten Arabischen Emirate am Dienstagabend. Ohne ihre Hilfe wäre es nicht gelungen, den „Islamischen Staat“ im Grenzgebiet zwischen Syrien und dem Irak zurückzudrängen.

          Vier der sechs Staaten des Golf-Kooperationsrats (GCC) und Jordanien haben sich mit Amerika gegen die radikalen Islamisten in Syrien und im Irak verbündet – es ist die wichtigste arabische Allianz, die Washington seit der Befreiung Kuweits 1991 auf seine Seite ziehen konnte. Bis auf Qatar stellten alle Länder ihre Luftstreitkräfte zur Verfügung, um nicht nur Stellungen des „Islamischen Staats“ (IS), sondern auch der Nusra-Front, des syrischen Al-Qaida-Ablegers und anderer extremistischer Gruppen zu bombardieren. Bislang hatten die sunnitischen Monarchien in Syrien lediglich indirekt interveniert, indem sie – oft rivalisierende – Milizen mit Waffen und Geld unterstützten.

          Kampf gegen IS : Präsident Obama trifft arabische Verbündeten

          Die Bedrohung, die der „Islamische Staat“ vor allem für Jordanien und Saudi-Arabien bedeutet, hat jedoch zu einem Umdenken geführt. Jordanien teilt eine 300 Kilometer lange Grenze mit Syrien und achtzig Kilometer mit dem Irak; der Angriffsbefehl Anfang der Woche erfolgte offenbar unmittelbar nach einem versuchten Terroranschlag auf das Königreich. Hunderte saudische Staatsbürger sind in den Kriegen in Syrien und dem Irak aktiv; in Riad und Dschidda genießen die Dschihadisten große Sympathien. Und anders als im Irak, den die reichen Golfstaaten als iranische Einflusssphäre ansehen, fühlen sie sich im mehrheitlich sunnitischen Syrien berechtigt, ihre Interessen direkt durchzusetzen. Dass Teherans wichtigster arabischer Verbündeter Baschar al Assad dort weiter die Macht innehat, wollen sie auf Dauer nicht hinnehmen.

          Vor allem für Saudi-Arabien bedeutet der Einsatz seiner Luftwaffe über Syrien eine außenpolitische Wende. Über Jahre hatte König Abdullah durch Scheckbuchdiplomatie und politische Unterstützung der Streitkräfte befreundeter Länder seine Interessen in der Region durchgesetzt – zuletzt durch Milliardenzahlungen an die libanesischen Streitkräfte. Mit der Teilnahme an den von Amerika geführten Luftangriffen hat er nun direkte Verantwortung übernommen. Außenminister Saud al Faisal sagte nach der Zusammenkunft mit Obama in New York, dass das Königreich „nie zögern“ werde, „sich an solchen ernsthaften Antiterroroperationen zu beteiligen“.

          Wie zur Bekräftigung des neuen Kurses kursierte auf dem Kurznachrichtendienst Twitter am Mittwoch ein Bild von Khalid bin Salman, dem Sohn des Kronprinzen und Verteidigungsministers Salman bin Abd al Aziz Al Saud. Zufrieden lächelnd zeigt es ihn auf dem Pilotensitz eines Kampfflugzeugs, angeblich war er gerade von einem Einsatz über Syrien zurückgekehrt. In zwei Wellen hatten Kampfflugzeuge Amerikas, der Emirate, Bahreins, Saudi-Arabiens und Jordaniens kurz nach Mitternacht ihren gemeinsamen Einsatz über dem Norden Syriens begonnen.

          Wenig später attackierten sie Ziele nahe der irakischen Grenze im Osten des Landes. Am Mittwoch wurden weitere Angriffe auf Stellungen des „Islamischen Staats“ westlich der belagerten Kurdenstadt Kobane und im ostsyrischen Abu Kamal geflogen. Allein in der Nacht zum Dienstag seien fast so viele Bomben abgeworfen worden wie in den vergangenen sechs Wochen über dem Irak, teilte ein amerikanischer Offizier mit.

          Und noch etwas ist in Syrien anders als im Irak: Nicht nur Quartiere und Depots des IS wurden getroffen, sondern auch solche der Nusra-Front und der Gruppe Ahrar al Sham, des wichtigsten Mitglieds der unter saudischer Regie gegründeten Islamischen Front. Die Salafisten-Allianz hatte zuletzt sowohl gegen die säkular-nationalistische Freie Syrische Armee (FSA) als auch den „Islamischen Staat“ gekämpft. Im August hatte sie Hunderte Überläufer an die FSA verloren.

          Kommandeure der anfangs von den sunnitischen Golfstaaten geförderten FSA forderten am Mittwoch bereits eine Ausweitung des ausländischen Syrien-Einsatzes. Die Militärschläge gegen den „Islamischen Staat“ und die Nusra-Front würden den Krieg nicht beenden, solange sie nicht „statt der Symptome auch die Wurzel des Problems bekämpften“ – gemeint war der syrische Machthaber Baschar al Assad. Auch Hadi al Bahra, der Vorsitzende der oppositionellen Nationalen Koalition, verlangte eine weiter gefasste Strategie: Nur durch Einrichtung einer Flugverbotszone könne es gelingen, Tausende von FSA-Kämpfern, die Saudi-Arabien in den kommenden Monaten mit amerikanischer Unterstützung ausbilden will, vor Angriffen des Assad-Regimes zu schützen. Auch die Ausstattung mit schultergestützten Flugabwehrraketen sei denkbar. Riad Kahwaji vom Institute for Near East and Gulf Military Analysis in Dubai sagte am Mittwoch, dass die Angriffe der FSA nutzen würden, in Aleppo und Idlib Boden wieder gutzumachen. Das Training der über Jahre vom Westen vernachlässigten Truppe soll in Jordanien stattfinden.

          Dem von irakischer und syrischer Seite bedrohten Königreich kam bei den Angriffen eine Schlüsselrolle in der arabischen Allianz zu – nicht nur, weil sich die jordanische Luftwaffe mit sechs Kampfflugzeugen an dem Einsatz beteiligte. Zwei Luftwaffenstützpunkte im Osten und Norden des Landes nutzte auch das amerikanische Militär, um Angriffe zu fliegen. Bei einer Ausweitung der Krieges könnten sie als vorgeschobene Operationsbasen unmittelbar hinter der syrischen Grenze genutzt werden.

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