https://www.faz.net/-gpf-9xf4t
Bildbeschreibung einblenden

Kampf gegen Corona : „Macht es wie Italien!“

Daheim bleiben ist in Italien jetzt cool – und die Mailänder Innenstadt nahezu leer. Bild: dpa

Seit Donnerstag ist Italien fast vollständig blockiert. Das Bewusstsein vom nationalen Notstand scheint nun auch bei der Bevölkerung angekommen zu sein. Opposition und Medien begrüßen den Schritt.

          3 Min.

          Drei Dekrete waren es bis zur fast vollständigen Blockade des gesamten Landes im Kampf gegen das Coronavirus. In der Nacht zum Sonntag wurden zunächst die Lombardei und weitere 14 Provinzen in Nord- und Mittelitalien zum Sperrgebiet mit stark eingeschränkter Bewegungsfreiheit und Geschäftstätigkeit erklärt; Bars und Restaurants durften nur von sechs bis 18 Uhr geöffnet bleiben, sofern zwischen den Gästen der Mindestabstand von einem Meter eingehalten werden konnte.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          Am Dienstag wurden die Verfügungen von der „rote Zone“ im Norden dann auf das gesamte nationale Territorium ausgedehnt. Betroffen waren nun statt 16 Millionen alle 60 Millionen Einwohner.

          Und am Donnerstag schließlich folgte die drastische Verschärfung der Einschränkungen: Seit dem Morgen sind alle Geschäfte außer Supermärkten, Lebensmittelläden und Apotheken geschlossen. Auch die Gastronomie muss bis zum 25. März vollständig pausieren, Bars, Imbisse und Restaurants bleiben geschlossen. Außerdem müssen alle nicht unbedingt notwendigen Geschäftsaktivitäten der Wirtschaft eingestellt werden. Die Produktion in der Industrie soll aber weiterlaufen, die Versorgung der Bevölkerung gewährleistet bleiben.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Zu Beginn der Woche kam der Schreck

          Wenn nicht alles täuscht, ist die große Mehrheit der Italiener diesen Dreischritt mitgegangen: Ein Ruck zum Rückzug aus der Öffentlichkeit geht durchs Land. Am Sonntag, dem ersten Tag der „Teilisolierung“ der Lombardei und umliegender Provinzen, verhielten sich die Leute dort noch, als wäre nichts geschehen. In anarchisch-fröhlicher Unbekümmertheit genossen Jung und Alt das sonnige milde Vorfrühlingswetter. Es herrschte lebhafter Ausflugsverkehr – über die unsichtbaren Grenzen des Sperrgebiets hinweg und auch innerhalb der „roten Zone“ selbst. Bars und Restaurants waren tagsüber gut besucht, und in Jesolo bei Venedig feierten die jungen Leute nach der Zwangsschließung ihrer Stammkneipen einfach am Strand weiter.

          Dann kam zu Beginn der neuen Arbeitswoche der erste Schreck, der dann doch vielen in die Glieder zu fahren schien: Am Montagabend verkündete Ministerpräsident Giuseppe Conte, dass nun das ganze Land zur „roten Zone“ erklärt werde. Nur dass diese künftig besser „Schutzzone“ genannt werden solle, denn die Maßnahmen dienten dem Schutz aller. Und vor allem dienten sie dem Schutz der „nonni“, der Generation der Großeltern, die im Alltag gestresster junger italienischer Familien als Aushilfe und Ruhepol unersetzlich sind. Denn das Durchschnittsalter jener, die der durch das Coronavirus verursachten Lungenkrankheit erliegen, liegt bei 81 Jahren, wie man jeden Abend um 18 Uhr bei der Pressekonferenz im nationalen Lagezentrums des Zivilschutzes mit den täglichen Zahlen von der Virenfront erfahren kann.

          Es dürften der Aufruf zur Solidarität mit den besonders gefährdeten „nonni“ sowie die immer schrilleren Alarmrufe des medizinischen Personals aus dem kollabierenden Gesundheitssystem der Lombardei gewesen sein, die maßgeblich zum Sinnes- und Verhaltenswandel vieler Italiener, zumal der jungen, beigetragen hat. Vielleicht hat auch geholfen, dass größere und kleinere Berühmtheiten aus Musik und Sport, aus dem Showgeschäft und auch der höheren Kultur den sozusagen regierungsamtlichen Hashtag #IoRestoaCasa (Ich bleibe zu Hause) nach Kräften übers Internet popularisiert haben: Daheimsein soll jetzt cool statt öde sein.

          Geeint ist auch die Politik

          Das Bewusstsein vom nationalen Notstand schien schon am Mittwoch im Alltag der meisten Italiener angekommen zu sein. An den Kassen der Supermärkte und Gemüsegeschäfte hielten die Leute erkennbar Abstand. Die Straßen und Plätze in den Einkaufs- und Flanierzonen der Altstädte waren fast menschenleer. Den schließlich doch mühsam eingeübten Verzicht auf Handschlag und Wangenkuss zur Begrüßung zelebrierten die Leute ostentativ und gerne mit einem Späßchen. Aber in Wahrheit ist in Italien niemandem mehr zum Spaßen zumute – und zur üblichen anarchischen Trotzreaktion gegen alle Vorschriften des Staates offenbar auch nicht mehr. Hatte es am Sonntag und Montag im Süden des Landes noch einen Aufschrei gegen „Virusflüchtlinge“ aus dem Norden gegeben, sitzt das Land seit zwei Tagen nun vereint „im gleichen Boot“, wie es Ministerpräsident Conte in seiner Fernsehansprache an die Nation formulierte.

          „Wir bleiben alle zuhause, danke!“ ist auf einem Plakat in Rom zu lesen.
          „Wir bleiben alle zuhause, danke!“ ist auf einem Plakat in Rom zu lesen. : Bild: AFP

          Geeint ist auch die Politik, und in den Medien werden die beispiellosen Maßnahmen der Regierung in Rom fast einhellig zustimmend kommentiert. Die rechte Opposition begrüßt die faktische Schließung des gesamten Landes für zwei Wochen ausdrücklich – diese Forderung hatten die Regionalpräsidenten der Lombardei und Venetiens schon zu Wochenbeginn gefordert. Die Nachricht vom Donnerstag, dass sich der frühere Ministerpräsident Silvio Berlusconi schon seit rund zwei Wochen auf seinem Landsitz in Châteauneuf-Grasse in der Provence aufhält, um von Frankreich aus „die sehr schwierige Lage“ daheim „in größerer Ruhe“ beobachten zu können, dürften den Niedergang des 83 Jahre alten Milliardärs als politische Gestalt von Gewicht vollends besiegeln. Bei Wahlen hatte sich Berlusconi zuletzt selbst kokett als ewig junger „nonno“ angepriesen, dem man vertrauen könne. Nun hat der Nonno der Nation der Nation in der Not den Rücken gekehrt.

          Zum bestimmenden Narrativ des nun weithin akzeptierten Notstands gehört in Alltagsgesprächen und in Medienkommentaren, dass Italien beim Umgang mit dem aus China eingeschleppten Coronavirus unfreiwillig eine Vorreiterrolle in Europa gespielt habe. Was die politische Führung des Landes, zunächst zögerlich und dann energisch, an drastischen Maßnahmen beschlossen habe, das stehe den anderen europäischen Staaten und auch Amerika noch bevor. Die Tageszeitung „Il Dubbio“ titelte am Donnerstag, bezugnehmend auf die Deklaration der Coronavirus-Krise zur Pandemie durch die Weltgesundheitsorganisation (WHO), mit der Empfehlung der WHO zum globalen Kampf gegen das Virus: „Macht es wie Italien!“

          Weitere Themen

          Bremst Corona die Fridays for Future Bewegung aus? Video-Seite öffnen

          Luisa Neubauer im Interview : Bremst Corona die Fridays for Future Bewegung aus?

          Inmitten steigender Corona-Zahlen geht „Fridays for Future“ nach langer Pandemie-Pause wieder auf die Straße. Warum die Entscheidung für die Streiks gefallen ist und was die die Klimabewegung aus der Corona-Krise mitnehmen will, erzählt die Klima-Aktivistin Luise Neubauer im Video. Das ganze Interview hören Sie im „F.A.Z. Podcast für Deutschland.“

          Topmeldungen

          Die jüngsten Zahlen des RKI sind besorgniserregend.

          Corona-Neuinfektionen : Höchster Wert seit April

          Über 2.500 Menschen haben sich in Deutschland laut Robert-Koch-Institut in den letzten 24 Stunden angesteckt. Auch die Reproduktionszahl ist deutlich gestiegen.
          Besucher auf der Pekinger Automesse probieren den neuen Mercedes V260 L SPV.

          Pekinger Automesse : Autobauer hoffen auf China

          Erstmals seit Beginn der Corona-Pandemie kommt die Autowelt wieder in China zu einer großen Messe zusammen. Die Aussichten für den größten Automarkt sind gut - aber auch die Abhängigkeit von China wächst.
          Zunehmend im Wahlkampfmodus: Amerikas Präsident Donald Trump.

          Donald Trump : Trump schürt Angst vor Wahlchaos

          In den vergangenen Tagen hatte der amerikanische Präsident wiederholt mit Aussagen zur kommenden Wahl schockiert. Nun sprach er davon, dass das Ergebnis Monate auf sich warten lassen könnte.
          Laut Medienberichten wird Amy Coney Barrett an den Obersten Gerichtshof bestellt.

          Ginsburg-Nachfolgerin : Trump plant mit Richterin Barrett

          Trump soll sich auf eine Nachfolgerin für Ruth Bader Ginsburg am Obersten Gericht festgelegt haben. Die offizielle Nominierung will er in der Nacht verkünden. Es gibt aber noch eine weitere Kandidatin.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.