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Kammerdiener des Papstes : Paolo Gabriele: Der Heilige Geist hat mich gelenkt

  • -Aktualisiert am

Paolo Gabriele (r.) im Gerichtsraum Bild: dapd

Der Heilige Geist habe ihn bei seinen Taten gelenkt, sagte der frühere Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele. Er gab zu, vertrauliche Papiere fotokopiert und weitergegeben zu haben.

          2 Min.

          Nach einer Woche der Verhandlungen soll am Samstag das Urteil gegen den früheren Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, gesprochen werden. Das verlautete am Mittwoch im Vatikan nach der dritten Sitzung im Tribunal hinter dem Dom von Sankt Peter. Dabei gestand Gabriele nach den Berichten der Prozessbeobachter, vertrauliche Papiere vom Schreibtisch des Papstes genommen, fotokopiert und weitergegeben zu haben. „Aber was den schweren Diebstahl betrifft, fühle ich mich unschuldig“, wurde Gabriele zitiert. „Ich fühle mich schuldig, das Vertrauen missbraucht zu haben, das der Heilige Vater in mich setzte.“ Der Heilige Geist habe ihn bei seinen Taten gelenkt, sagte er.

          Am Dienstag hatte Gabriele der Umgebung von Benedikt, XVI. vorgeworfen, den Papst nicht angemessen über wichtige Dinge zu unterrichten: „Ich begriff allmählich, wie leicht man eine Person (wie den Papst) manipulieren kann, die so viel Macht hat. Bisweilen saßen wir bei Tisch und der Papst stellte Fragen zu Dingen, über die er hätte informiert sein müssen.“ Da sei in ihm der Gedanke gereift, die Dokumente an die Presse zu geben. Er fühle sich „wie ein Sohn“ von Benedikt XVI.

          Am Dienstag waren beim Prozess erstmals Namen von sieben Personen genannt worden, die Gabriele nach seinen Worten „beeinflussten“. Es wurden die Kurienkardinäle Angelo Comastri und Paolo Sardi genannt sowie die frühere Haushälterin und heutige Übersetzerin des Papstes, die Deutsche Ingrid Stampa. Sardi sei für ihn „eine Art spiritueller Führer“ gewesen, wurde Gabriele zitiert. Zu den anderen habe er Kontakt gehabt. „Aber ich möchte bestätigen, dass ich keine Komplizen hatte; mit Beeinflussung meine ich nicht Kollaboration“, sagte Gabriele. Frau Stampa sagte unterdessen in einem Interview, sie habe wenig Kontakt zu Gabriele gehabt. „Wenn er mit mir darüber gesprochen hätte, was er tat, dann hätte ich gesagt: Hör auf.“

          Nur acht bei jeder Sitzung neu ausgeloste Journalisten können neben der eigenen Presse des Vatikans an dem Prozess im kleinen Saal des Tribunals teilnehmen. Ihren Aussagen zufolge stellt sich Gabriele als Opfer der vatikanischen Gendarmerie dar. Man habe ihn nach seiner Verhaftung im Mai etwa zwei Wochen lang in einer Zelle untergebracht, die so klein gewesen sei, dass er seine beiden Arme nicht habe ausstrecken können. Das Licht habe unentwegt gebrannt, so dass er ein Augenleiden davongetragen habe. Mitglieder der Gendarmerie gaben als Zeugen zu Protokoll, dass Gabriele in eine größere Zelle habe umziehen können, nachdem diese hergerichtet worden sei. Das Licht sei zunächst angeschaltet geblieben, „um mögliche autoaggressive Handlungen zu verhindern“. Während Vatikansprecher Pater Federico Lombardi versicherte, die Haftumstände Gabrieles hätten den internationalen Standards entsprochen, ordneten die drei Richter eine Untersuchung an; die Anwältin Gabrieles musste sich fragen lassen, warum sie zwei Wochen nach der Verhaftung ihres Mandaten nicht geklagt, sondern der Presse mitgeteilt hatte, es gehe Gabriele gut.

          Kistenweise Unterlagen

          Bei der Vernehmung der Gendarmen am Mittwoch herrschte Unklarheit über die Umstände, unter denen ein Goldklumpen und ein Scheck über 100.000 Euro, der auf den Namen von Papst Benedikt XVI. ausgestellt worden war, in Gabrieles Wohnung entdeckt worden waren. Der Angeklagte hatte am Vortag gesagt, die beiden Gegenstände nie gesehen zu haben. Die Gendarmen widersprachen sich Beobachtern zufolge in ihren Angaben zum Fundort. Die Gendarmerie des Vatikans soll im Weiteren ohne Genehmigung des italienischen Staates die Wohnung Gabrieles im Urlaubsort des Papstes Castelgandolfo durchsucht haben.

          Im Vatikan wohnt der Angeklagte auf exterritorialem Gebiet, nicht aber in dem Städtchen in den Albaner Bergen. Die Polizisten berichteten, sie hätten vor allem in Gabrieles Vatikan-Wohnung Tausende Dokumente gefunden, darunter handschriftliche Notizen des Papstes, aber auch Material zur Freimaurerei und zu den Geheimdiensten. Insgesamt stellten die Ermittler 82 Kisten mit Dokumenten sicher, die Gabriele seit Amtsantritt beim Papst 2006 gesammelt hatte.

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