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Kamala Harris in Vietnam : Keine Allianz gegen China

Kamala Harris am 25. August in Hanoi Bild: Reuters

In Südostasien verfolgen viele Länder Pekings rabiates Auftreten mit Sorge. Der Besuch von Kamala Harris in Vietnam zeigt aber auch, dass Amerikas diplomatische Offensive im Indopazifik kein Selbstläufer wird.

          3 Min.

          Die amerikanische Vizepräsidentin Kamala Harris war quasi schon auf dem Weg nach Hanoi, als China sie in letzter Minute noch zu übertrumpfen versuchte. Zu den Initiativen, die Harris in Vietnam zur Vertiefung der Beziehungen verkünden wollte, gehörte eine Lieferung von einer Million Corona-Impfdosen (zusätzlich zu fünf Millionen schon gelieferten Dosen) an das südostasiatische Land, das derzeit mit seiner bisher schwersten Infektionswelle seit Beginn der Pandemie zu kämpfen hat. Doch an dem Tag, an dem die Vizepräsidentin in Hanoi erwartet wurde, empfing der vietnamesische Ministerpräsident Pham Minh Chinh auch den chinesischen Botschafter Xiong Bo. Dieser teilte mit, dass Peking den Vietnamesen ebenfalls Impfdosen geben werde, und zwar nicht nur eine, sondern gleich zwei Millionen.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Der kleine Überbietungswettbewerb zeigt schon, dass Amerikas diplomatische Offensive im Indopazifik kein Selbstläufer wird, auch wenn viele Länder die Sorge über Chinas zunehmendes Machtgebaren teilen. Vietnam ist dafür ein Beispiel. Seit dem Ende des Vietnam-Kriegs hat das Verhältnis der ehemaligen Feinde in Washington und Hanoi „bemerkenswerte“ Fortschritte gemacht, wie Harris in Vietnam anmerkte.

          Ausweitung der Kooperation

          Auf die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen in den neunziger Jahren folgte eine Ausweitung der Kooperation auf politischem, militärischem und wirtschaftlichem Gebiet. Im Streit mit China über Inseln und Hoheitsgebiete im Südchinesischen Meer gehört Vietnam zu den Ländern, die Pekings rabiates Auftreten besonders zu spüren bekommen. Dabei wurden auch schon vietnamesische Fischerboote gerammt und versenkt.

          Washington will diese Irritationen für sich nutzen, während es wie angekündigt nun seinen Blick verstärkt auf den Indopazifik richtet. Der Besuch der Vizepräsidentin war deshalb auch nur der jüngste in einer ganzen Reihe ranghoher Kontakte in Südostasien in den vergangenen Wochen. In Hanoi fand Harris wie schon zuvor in Singapur deutliche Worte gegenüber China. „Wir heißen einen harten Wettbewerb willkommen, wir suchen keine Konflikte, aber in Angelegenheiten wie dem Südchinesischen Meer werden wir das Wort ergreifen“, sagte sie am Donnerstag. Am Tag zuvor hatte sie China auch schon „Mobbing“ und „überbordende Ansprüche auf Seegebiete“ vorgeworfen.

          Allerdings vermeidet es Hanoi bisher tunlichst, sich irgendetwas anzuschließen, das als eine Anti-China-Allianz verstanden werden könnte. So hatte Kamala Harris bei ihrem Besuch die Erwartung geäußert, die Beziehungen zu dem einstigen Kriegsfeind in Hanoi zu einer „strategischen Partnerschaft“ ausbauen zu wollen. Jedoch bleibt es vorerst bei der bestehenden „umfassenden“ Partnerschaft. Aufhorchen ließ auch die Äußerung des vietnamesischen Regierungschefs beim Treffen mit dem chinesischen Diplomaten: „Der Ministerpräsident erklärte auch, dass Vietnam sich nicht mit einem Land verbündet, um gegen ein anderes zu kämpfen“, schrieb die staatliche Zeitung Vietnam News.

          Kein „Nullsummenspiel“

          Das, was für Vietnam gilt, gilt auch für Singapur und die anderen Länder Südostasiens. Keines von ihnen hat Interesse daran, für die Partnerschaft mit Amerika seine Beziehungen zu Peking komplett aufs Spiel zu setzen. China ist für viele Südostasiaten ein direkter Nachbar und der wichtigste Handelspartner. Harris hatte das bei ihrem Besuch in Singapur auch selbst anerkannt, als sie davon sprach, dass der Wettbewerb mit China in Südostasien kein „Nullsummenspiel“ sein dürfe.

          Sie hatte außerdem versichert, dass Amerika niemanden zwingen werde, sich zwischen Ländern zu entscheiden. Nur einen Tag später hatte sie die Länder in Südostasien allerdings aufgefordert, China stärker entgegenzutreten. „Wir müssen Wege finden, um Druck auszuüben und den Druck auf Peking zu erhöhen“, sagte Harris beim Treffen mit dem vietnamesischen Präsidenten Nguyen Xuan Phuc.

          Dabei wünschen sich viele Länder in Südostasien, dass Amerika als Gleichgewicht zu China in der Region bleibt und sein Engagement noch ausbaut. Als nicht gerade hilfreich erweisen sich dabei allerdings die derzeitigen Entwicklungen in Afghanistan. Die Bilder von Hubschraubern, die über Kabul kreisten, haben Erinnerungen an den Abzug der Amerikaner aus Saigon im Jahr 1975 geweckt. Sie ließen in Asien auch Fragen über die Verlässlichkeit des amerikanischen Engagements aufkommen.

          Einfacher als mit den Südostasiaten gestaltet sich dafür Amerikas Kooperation mit den drei anderen großen Demokratien im indopazifischen Raum, Australien, Indien und Japan. Diese „Quad“, wie sie genannt wird, hat in den vergangenen Monaten deshalb noch einmal an Bedeutung gewonnen. Es ist zwar kein formales Militärbündnis, ein Schwerpunkt liegt aber auf der sicherheitspolitischen Zusammenarbeit. Erst zum zweiten Mal veranstalten alle vier Mitglieder von Donnerstag an vor der Insel Guam gemeinsam die Militärübung „Malabar“. Im September könnte es auch zu einem Treffen der Regierungschefs der vier Länder am Rand der UN-Vollversammlung kommen.

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