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Kamala Harris in Asien : Im Dienste der globalen Führungsrolle

Kamala Harris am 23. August 2021 in Singapur Bild: Reuters

Auf ihrer ersten Asien-Reise will Amerikas Vizepräsidentin Kamala Harris zeigen, dass die Vereinigten Staaten wieder ein verlässlicher Partner sind. Aber die Ereignisse in Afghanistan überschatten den Besuch.

          3 Min.

          Die erste Asien-Reise der amerikanischen Vizepräsidentin Kamala Harris seit Amtsübernahme wurde lange vor den jüngsten Ereignissen in Afghanistan geplant. Der Besuch, der sie in dieser Woche in den Stadtstaat Singapur und nach Vietnam führt, sollte angesichts des zunehmenden strategischen Wettbewerbs mit China den Eindruck vermitteln, dass Amerika sich weiter in der Region engagiert. Harris wollte zeigen, dass Asien nach Donald Trumps Abwahl wieder einen verlässlichen Partner in Washington hat.

          Till Fähnders
          Politischer Korrespondent für Südostasien.

          Doch die Krise in Afghanistan lässt ausgerechnet jetzt Zweifel an dieser Verlässlichkeit aufkommen. Die Bilder von der Rückkehr der Taliban und dem Chaos am Flughafen von Kabul werden auch in Südostasien mit Schrecken verfolgt. Nun muss die Vizepräsidentin sich der Frage stellen, wie haltbar die Schutzgarantien der Amerikaner ihren Verbündeten in der Region gegenüber sind.

          „Robuste Analyse“

          In einer Pressekonferenz mit Singapurs Ministerpräsident Lee Hsien Loong am Montag kam China sogar nur noch am Rande vor. Stattdessen ging es im Gespräch mit den Journalisten überwiegend um Afghanistan. Die Vizepräsidentin wich dabei der Frage aus, ob in Afghanistan Fehler gemacht worden seien. Sie kündigte nur eine „robuste Analyse“ der Ereignisse für einen späteren Zeitpunkt an. Der Fokus liege derzeit auf den Evakuierungen, mit denen Amerikaner, ihre afghanischen Helfer und besonders gefährdete Afghanen aus dem Land geholt werden sollten. Lee äußerte seinerseits Verständnis für den Rückzug der Amerikaner. Er erwähnte Singapurs Engagement, das eine Zeit lang mit eigenen Soldaten an dem internationalen Einsatz beteiligt gewesen war. Singapur bot zudem an, mit Militärtransportern bei den Evakuierungen zu helfen.

          Fast paradox erscheint dabei, dass der Rückzug aus Afghanistan auch als ein wichtiger Baustein der Asien-Strategie gesehen werden kann, die in Washington mit dem Schlagwort des „freien und offenen Indopazifik“ umschrieben wird. Der Rückzug soll Kräfte freisetzen, die dann an anderer Stelle eingesetzt werden können. Singapurs Ministerpräsident Lee äußerte denn auch die Erwartung, dass sich der Rückzug letztlich positiv auf die strategische Lage in Asien auswirken sollte. „Worauf es nach Afghanistan ankommt, ist auf längere Sicht, wie sich die USA in der Region Asien-Pazifik neu positionieren, sich in der weiteren Region engagieren und den Kampf gegen den Terrorismus weiterführen.“ Dies werde auch bestimmen, wie die Länder der Region Amerikas Prioritäten und strategische Absichten wahrnähmen, mahnte Lee.

          Ausgerechnet Vietnam

          Die Schadenfreude, mit der Peking auf das Chaos in Afghanistan reagiert, findet in Südostasien kein Echo. Viele Länder begrüßen es, dass Amerika weiter ein Gleichgewicht zu Chinas Macht sein will. Tatsächlich gelang es der Vizepräsidentin, diese Botschaft trotz allem zu vermitteln. „Der Grund dafür, dass ich hier bin, ist die globale Führungsrolle Amerikas. Und wir nehmen diese Rolle ernst“, sagte Harris in Singapur. Die Aussage unterstrich sie auch noch mit einem Besuch auf dem amerikanischen Marineschiff USS Tulsa an der Marinebasis in Changi im Osten des Stadtstaats. Am Dienstag wird sie zudem in Singapur in einer Rede die strategische „Vision“ der Biden-Regierung für den Indopazifik darlegen.

          Im Anschluss an Singapur geht es weiter nach Vietnam, das Harris als erste amerikanische Vizepräsidentin besucht. Ausgerechnet Vietnam, könnte man sagen. Schließlich hat es in der vergangenen Woche nicht an Vergleichen zwischen dem hastigen Rückzug aus Afghanistan und dem einstigen Abschied der Amerikaner zum Ende des Vietnam-Kriegs gefehlt. Auf der anderen Seite steht Vietnam auch als Beispiel für die Annäherung früherer Feinde.

          Vietnam gehört mit Singapur heute wohl zu den Ländern in Südostasien, deren geostrategische Interessen am meisten mit denen Amerikas übereinstimmen. Aus diesem Grund waren wohl auch diese Länder für den Harris-Besuch auserkoren worden und nicht die Philippinen und Thailand, obwohl es sich bei diesen Ländern, anders als bei Singapur und Vietnam, formal um Verbündete handelt.

          Nun wird gemunkelt, dass die ehemaligen Feinde in Washington und Hanoi ihre Beziehungen sogar zur „strategischen Partnerschaft“ aufwerten könnten. Die Region beobachtet die Entwicklung in Afghanistan allerdings auch noch aus einem anderen Grund mit Sorge. Singapurs Ministerpräsident Lee sprach das direkt an: „Wir hoffen, dass Afghanistan nicht wieder zum Epizentrum des Terrorismus wird.“ Einige der berüchtigtsten südostasiatischen Terroristen hatten einst in Afghanistan ihr blutiges Handwerk gelernt. Die Terrorgruppe Jemaah Islamiyah, die unter anderem für den Anschlag auf Bali mit 202 Toten im Jahr 2002 verantwortlich war, hatte damals Kontakte zu Al-Qaida unterhalten. Derzeit ist noch nicht abzusehen, ob auch solche Terrornetzwerke zurückkehren könnten.

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