https://www.faz.net/-gpf-12idg

Kalifornien in der Krise : Der Goldstaat glänzt nicht mehr

  • -Aktualisiert am

Ihm bleibt keine Wahl: Gouverneur Schwarzenegger Bild: REUTERS

Auf den flüchtigen Blick scheint es, als habe sich in Kalifornien nichts verändert. Doch an vielen Orten sind die Symptome der seit Jahren andauernden finanziellen Misere schon zu besichtigen. Die weltweite Rezession tut ihr Übriges.

          Wer nur flüchtig hinsieht, mag denken, in Kalifornien habe sich nichts verändert. In Venice Beach bei Los Angeles gleiten extrovertierte Selbstdarsteller wie immer in zeitlupenartigen, an Tai-Chi-Übungen erinnernden Bewegungen auf Rollschuhen über die Strandpromenade. Auf der Telegraph Avenue in Berkeley wird wie seit Jahren auch heute gegen den Kapitalismus, den Neokolonialismus und all die anderen „-ismen“ gewettert, welche die amerikanische Linke auf die Palme bringen. Und aus dem Yosemite-Tal ziehen mit schweren Rucksäcken bepackte Wanderer wie in jedem Sommer in die fast unberührte Wildnis der Viertausender der Sierra Nevada. Aber auf den zweiten Blick wird deutlich, dass im „Goldenen Staat“ am Pazifik die goldene Farbe abblättert. In Kürze könnte der bevölkerungsreichste amerikanische Bundesstaat zahlungsunfähig sein. (Siehe auch: Kalifornien ruft Finanznotstand aus)

          Die Meekland Avenue in Hayward, einem zwischen den Großstädten Oakland und San Jose gelegenen Ort, war noch nie eine ansehnliche Straße. Hier sind Autowerkstätten und einige Schrotthändler ansässig, es gibt viele Lagerhallen. Die hohen, mit Stacheldraht bewehrten Zäune um die Grundstücke und die dahinter bellenden Wachhunde zeigen, dass dieses Viertel nicht zu den sichersten Gegenden im Großraum San Francisco gehört. Wie an jedem Morgen hat sich gegenüber einer Werkstatt für Dieselfahrzeuge eine Menschenschlange gebildet. Kirchen verschiedener Konfessionen des Ortes haben dort in einer alten Lagerhalle eine „Foodbank“ eingerichtet. Wer bedürftig ist, kann hier kostenlos Nahrungsmittel bekommen: Konserven, deren Verfallsdatum um einige Tage überschritten ist, Obst, das in keine Handelsklasse passt, Vorräte, die Restaurants aus ihren Gefrierschränken ausgeräumt haben. Noch vor wenigen Monaten konnte jeder, der hier nachfragte, mit genügend Nahrung versorgt werden. Aber seit kurzem bleiben die Spenden aus. Viele Bedürftige gehen selbst nach stundenlangem Warten mit leeren Händen nach Hause.

          Concord ist eine Kleinstadt gut 50 Kilometer östlich von San Francisco. Der Ort ist nicht reich, aber das geschäftige Kleingewerbe sichert einen Teil der örtlichen Steuereinnahmen. Unweit einiger Baumärkte am Monument Boulevard versammeln sich an jedem Morgen kurz nach Sonnenaufgang Hunderte von Männern. Sie stehen in kleinen Gruppen zusammen und schwätzen. Fast alle stammen aus Lateinamerika und warten auf Arbeit. Um kurz nach sechs Uhr fahren die ersten Kleinlaster vor. Die Fahrer kurbeln ihre Fenster herunter und verhandeln kurz mit den Männern. Dann steigen einige von ihnen in den Wagen, und der Fahrer braust davon. Es geht zu wie auf dem Straßenstrich, nur dass in den Pick-ups die Poliere von Baustellen sitzen, die auf dem Monument Boulevard für einen Tag billige Arbeitskräfte anheuern.

          Gewerkschafter protestieren vor dem State Capitol in Sacramento

          Auch Privatleute kommen dorthin, um Schwarzarbeiter zu finden, die ihnen die Hecken im Garten schneiden oder den Rasen mähen. Noch im vergangenen Sommer hatten die meisten Tagelöhner spätestens um neun Uhr Arbeit gefunden. Wer aber heute auf der Straße entlangfährt, sieht noch gegen Mittag Trauben von Männern vor den Baumärkten warten. „Niemand gibt uns mehr Arbeit“, sagt der aus El Salvador stammende Pedro, „obwohl wir inzwischen unseren Stundenlohn auf zehn Dollar gesenkt haben. Im letzten Jahr bekamen wir noch 15 Dollar.“ Pedro will seinen Nachnamen nicht nennen, denn als illegaler Einwanderer fürchtet er die Agenten des Ministeriums für Heimatschutz.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Koalition streitet ums Klima : Atemlos durch die Nacht

          Wie soll Deutschland seine Klimaziele bis 2030 schaffen? Die Groko tut sich schwer – und verhandelt bis in die Morgenstunden. Die für 11 Uhr geplante entscheidende Sitzung wird nun offenbar verschoben.
          Der japanische Kaiser Naruhito (r), Kaiserin Masako und ihre Tochter Prinzessin Aiko winken, nachdem sie in der Präfektur Tochigi für ihren Sommerurlaub angekommen sind.

          Japan : Der Kaiser fährt Toyota

          Das japanische Kaiserhaus übt sich in Volksnähe. Bei den Feiern zur Inthronisierung wird Kaiser Naruhito sich den Japanern nicht im Rolls Royce, sondern in einem Toyota zeigen. Doch es ist ein ganz besonderer Toyota.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.