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Kalabrien vor der Wahl : Käse, Fisch und Sex für mildere Urteile

Hauptstadt einer abgehängten Region: Catanzaro Bild: Bildagentur-online/Rossi

Vor der Regionalwahl am Sonntag machten in Kalabrien Korruptionsfälle und Anti-Mafia-Operationen Schlagzeilen. Matteo Salvini war zuletzt Dauergast in der abgehängten Region – und versprach den Menschen viel.

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          Die Quästur von Catanzaro ist eine leere Hülle. Vor fast drei Jahren haben die umfassenden Renovierungsarbeiten am Sitz des Polizeipräsidenten am Corso Giuseppe Mazzini begonnen. Der schmucklose dreistöckige Betonbau im Herzen der Hauptstadt Kalabriens hatte schon lange nicht mehr den einschlägigen Brandschutzvorschriften entsprochen. Stehen geblieben ist nur die Fassade. Das Gebäudeinnere ist buchstäblich ausgehöhlt und muss von Grund auf neu aufgebaut werden.

          Matthias Rüb

          Politischer Korrespondent für Italien, den Vatikan, Albanien und Malta mit Sitz in Rom.

          An einem sonnigen, milden Werktag Mitte Januar ist keine Menschenseele auf der Baustelle zu sehen. Kein Klopfen, Sägen oder Bohren ist zu hören. Dafür machen die Autofahrer Lärm. Ein Falschparker hat seinen Wagen in der engen Einbahnstraße so abgestellt, dass der Linienbus in einer Kurve stecken geblieben ist. Zum Hupkonzert der hinter dem Bus blockierten Autofahrer kommt das Palaver der Fahrgäste des Busses, die inzwischen ausgestiegen sind. Zwei Beamtinnen der „Polizia Locale“ eilen herbei, können aber auch nichts ausrichten.

          Bestechungsversuch der Präfektin

          Nach langen Minuten kommt der Falschparker und fährt davon. Dann ist es wieder recht still an der Quästur-Baustelle. „Das wird vielleicht in zehn Jahren fertig sein“, sagt ein Passant, auf den offensichtlich schleppenden Fortschritt der Arbeiten angesprochen, und winkt resigniert ab.

          Die ausgehöhlte Quästur von Catanzaro ist eine vielleicht etwas aufdringliche Metapher für die Rolle der Staatsmacht in Kalabrien: Hinter der Fassade starrt das Dunkel. Anfang Januar wurde in Cosenza, etwa eine Autostunde nordwestlich von Catanzaro gelegen, die amtierende Präfektin Paola Galeone festgenommen und unter Hausarrest gestellt.

          Ihr wird vorgeworfen, kurz vor Weihnachten bei einem Treffen in ihrem Amtssitz der Geschäftsführerin einer privaten Bildungs- und Kultureinrichtung ein unzweideutiges Angebot gemacht zu haben: Sie schlug der Unternehmerin Cinzia Falcone vor, für fingierte Informationsveranstaltungen an Schulen zum Thema „Kampf gegen die Gewalt gegen Frauen“ eine fiktive Rechnung in Höhe von gut 1200 Euro auszustellen. Nach Begleichung der Rechnung durch die Quästur, also durch Steuergelder, sollte die Präfektin eine „Rückzahlung“ in bar in Höhe von 700 Euro erhalten.

          Doch Falcone, die in den örtlichen Medien nun weithin als Heldin gefeiert wird, meldete den Bestechungsversuch durch die Präfektin – immerhin die ranghöchste Verwaltungsbeamtin der italienischen Zentralregierung in Cosenza – der Polizei. Auf Geheiß der Beamten der Finanzpolizei ging die Unternehmerin zum Schein auf das Angebot ein. In einer Whatsapp-Nachricht von Präfektin Galeone an die Unternehmerin Falcone heißt es, offenbar in der Vorfreude auf eine gedeihliche Zusammenarbeit: „Du wirst sehen, gemeinsam werden wir große Dinge bewegen.“ Dann schlugen die Ermittler zu.

          Die Strafverfolger gehen davon aus, dass die Präfektin seit Jahren in gleicher Weise mit anderen Unternehmern der Region „große Dinge“ bewegt hat. Die Ermittlungen dauern an. Einen angenehmen Spaziergang von der Quästur entfernt befindet sich das Berufungsgericht von Catanzaro.

          Mehrere Tüten Bargeld im Schreibtisch

          Der wuchtige Justizpalast, ein klassizistischer Palazzo in Ockergelb, liegt an der Via Falcone e Borsellino. Die Straße ist nach den legendären „Mafia-Jägern“ Giovanni Falcone und Paolo Borsellino benannt, die in den achtziger Jahren die sogenannten Maxi-Prozesse gegen Hunderte Angehörige der Cosa Nostra vorangetrieben hatten, bevor sie im Mai beziehungsweise Juli 1992 durch Bombenattentate der sizilianischen Mafia ermordet wurden.

          In der vergangenen Woche wurde im Justizpalast der Berufungsrichter Marco Petrini festgenommen, Vorsitzender der dritten Kassationskammer. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm vor, er habe für Geld, aber auch für allerlei Geschenke wie Käse, Fisch und Urlaubsreisen sowie vor allem für sexuelle Dienstleistungen Urteile niedrigerer Instanzen abgemildert oder ganz aufgehoben.

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