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Kaiserwechsel in Japan : Der Tröster der Nation dankt ab

Der Kaiser, der die Verbindung zwischen der Tradition des Kaisertums und demokratischer Morderne schaffte: Akihito und seine Frau Michiko bei einer Zeremonie zum 30. Thronjubiläum. Bild: dpa

Der japanische Kaiser ist ein nationales Symbol und muss sich der Politik enthalten. Dennoch setzte Akihito Zeichen gegen rechten Nationalismus und hinterlässt seinem Sohn ein demokratisches, modernes Erbe.

          An einem Sonntag Anfang April staunten die Jogger, die zu früher Stunde den Palastgarten mitten in Tokio umrundeten: Kaiser Akihito und Kaiserin Michiko verließen auf ihrem Morgenspaziergang das Palastgelände, um Kirschblüten zu bestaunen. Freundlich winkte das Monarchenpaar den Läufern zu und verschwand nach einigen Minuten wieder hinter einem der hölzernen Eingangstore. Der seltene Spaziergang außerhalb der Palastmauern verdeutlichte, dass das Kaiserpaar keine Berührungsängste mit dem Volk hat. Es schien fast so, als ob Akihito und Michiko schon einmal das Leben mit weniger zeremoniellen Zwängen genießen wollten.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          An diesem Dienstag wird der 85 Jahre alte Akihito im 31. Jahr seiner Regentschaft abdanken, als erster Tenno seit 1817. Am Tag darauf wird sein Sohn, Kronprinz Naruhito, die shintoistischen Insignien erhalten und Kaiser werden. Für Japan ist die Abdankung des beliebten Monarchen eine Zäsur. Akihito wurde weit nach Kriegsende Kaiser, am Todestag seines Vaters Hirohito, dem 7. Januar 1989. Doch war er es, nicht sein Vater, der das Kaisertum im demokratischen Nachkriegsjapan fest verankerte. Hirohito, der Showa-Tenno, war zwar auch im Volk beliebt. Doch konnte er, der bis Kriegsende als göttlicher Herrscher verehrt worden war, die Distanz zu seinen Untertanen nie überwinden. Auch blieb immer der Makel, dass Japans Aggression gegen die Nachbarländer im Zweiten Weltkrieg in seinem Namen geführt worden ist.

          Die Vereinigung aus Moderne und Tradition

          Die Aufgabe, das Kaisertum in die neue Zeit zu führen, fiel damit Akihito zu. Er setzte in jeder Hinsicht Zeichen. Seine Hochzeit mit Michiko, einer Bürgerlichen aus einer wohlhabenden Unternehmerfamilie, die er auf dem Tennisplatz kennengelernt hatte, symbolisierte 1959 die Öffnung des Kaiserhauses hin zu einer demokratischen Gesellschaft. Das Kronprinzenpaar zog seine drei Kinder im eigenen Haushalt auf und etablierte so die kaiserliche Familie als Objekt für die Presse und als Rollenmodell für die Nation. Schon als Kronprinz nutzte Akihito sein Prestige, um sich für Behinderte einzusetzen. Als Kaiser wurde er zum „Tröster der Nation“. Akihito kniete nieder bei den Opfern der vielen Naturkatastrophen, die Japan in seiner Regentschaft trafen, zuletzt nach der Tsunami-Katastrophe 2011. Mit einfachen Worten spendeten er und Michiko den Opfern Trost. Die Wärme und Herzlichkeit, die das Kaiserpaar den Menschen entgegenbrachte, trug mehr als alles andere dazu bei, das Kaisertum im Nachkriegsjapan zu verankern.

          So offen der Kaiser für die Moderne ist, so sehr betont er die Tradition. Als oberster Shinto-Priester pflegte Akihito die religiösen Rituale, die darauf verweisen, dass das Kaiserhaus seinen mythischen Ursprung in der Sonnengöttin Amaterasu hat. „Akihito hat diese liberalen Tendenzen, aber niemand vollzieht die Shinto-Rituale ernster als er“, sagt Kenneth Ruoff, ein Japan-Historiker von der Portland State University in Oregon.

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