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Kampf um Tripolis : Offensive im Windschatten der Pandemie

Vertriebene Männer beobachten aufsteigenden Rauch aus dem bombardierten Stadtviertel Bou Selim in Tripolis. Bild: dpa

In Libyen eskalieren die Kämpfe um die Hauptstadt Tripolis. Die Bürgerkriegsparteien scheinen die Corona-Pandemie für Geländegewinne nutzen zu wollen – und bekommen weiter Hilfe von ihren ausländischen Unterstützern.

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          Es ist schon länger her, dass die „Regierung der Nationalen Übereinkunft“ in Tripolis derartige Erfolgsmeldungen verkünden konnte. Ein Sprecher der unter UN-Vermittlung eingesetzten Führung erklärte am Montagabend, man habe die Kontrolle über die Küstenstadt Sabrata übernommen. Kurz zuvor war schon die Eroberung der Stadt Sorman westlich der Hauptstadt gemeldet worden. Der Waffengang im Westen Libyens eskaliert – allen Appellen der internationalen Gemeinschaft, die Kämpfe angesichts der Corona-Krise einzustellen, zum Trotz. Auch die internationalen Bemühungen, zumindest das Eingreifen ausländischer Unterstützer der libyschen Konfliktparteien einzudämmen, tragen keine Früchte – im Gegenteil: Beide Seiten scheinen im Windschatten der Pandemie Geländegewinne erzielen zu wollen.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Vor etwa einem Jahr hatte der ostlibysche Militärführer Chalifa Haftar seinen Feldzug zur Eroberung von Tripolis begonnen. Doch der erhoffte schnelle Vormarsch blieb aus, die Schlacht um die Hauptstadt geriet zu einem Stellungskrieg in Wohnvierteln. Die Niederlage in Sabrata ist für Haftar ein bitterer Rückschlag. In der Küstenstadt, die als Bastion von Schleuserbanden berüchtigt ist, hatten zuletzt Milizen das Sagen, die zum Lager des Warlords aus dem Osten zählten. Frieden dürfte in der Stadt mit dem Machtwechsel nicht einkehren, denn die Milizen, die jetzt wieder Oberwasser haben, haben offene Rechnungen zu begleichen. Es ist nicht lange her, da tobte in Sabrata im Herbst 2017 ein Krieg der Schleuserbanden, der Haftar seinerzeit half, einen Fuß in die Tür zu bekommen.

          Haftar hat seine Lufthoheit eingebüßt

          Bedeutend sind vor allem die Umstände seiner jüngsten Niederlagen: Haftars Widersacher erhielten nicht nur Luftunterstützung durch türkische Drohnen. Es gibt übereinstimmende Berichte, laut denen die türkische Marine direkt in die Kämpfe eingegriffen hat. Ferner kursieren Videoaufnahmen, die zeigen sollen, wie ein türkisches Kriegsschiff vor der Küste eine Rakete abfeuert. Die Führung in Ankara unterstützt die Übereinkunftsregierung von Fajez Sarradsch. Auf der anderen Seite erhält Haftar Waffenhilfe von den Vereinigten Arabischen Emiraten, Ägypten und Russland. Lange hatten emiratische Drohnen vor allem den Milizionären der Übereinkunftsregierung zugesetzt, aber durch das Eingreifen Ankaras hat Haftar die Lufthoheit eingebüßt. Und die Sabrata-Offensive zeigt, dass die dortige Führung entschlossen ist, ihre libyschen Verbündeten weiter nach Kräften zu fördern – während die Europäische Union eine Marinemission auf die Beine stellt, mit der das bislang zahnlose Waffenembargo durchgesetzt werden soll.

          Den Zivilisten im westlibyschen Kampfgebiet scheinen angesichts der derzeitigen Lage noch viele Tage des Horrors bevorzustehen. Aus Tripolis kommen Hilferufe von Einwohnern, die in ihren Häusern Schutz vor dem Coronavirus suchen sollen, während in ihren Vierteln Raketen oder Granaten einschlagen, die in erster Linie auf das Konto der Truppen Haftars gehen. Auch überlebensnotwendige zivile Infrastruktur ist betroffen. Vor gut einer Woche äußerte der UN-Nothilfekoordinator für Libyen, Yacoub El Hillo, empört: „In einer Zeit, in der die Menschen in Libyen nichts mehr als ein sicheres Zuhause und funktionierende medizinische Einrichtungen brauchten, erhielten wir die Nachricht von einem weiteren Angriff auf ein Krankenhaus.“ Er meinte das Al-Khadra-Krankenhaus in Tripolis, das von Artilleriegranaten getroffen worden sei. „Dies ist ein klarer Verstoß gegen das humanitäre Völkerrecht“, sagte Hillo.

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