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Kämpfe im Irak : Mehr als tausend Tote seit Beginn der Isis-Offensive

  • -Aktualisiert am

Kurdische Kämpfer halten die Stellung im Kampf gegen die Isis nahe Kirkuk Bild: AFP

Die Vereinten Nationen machen dramatische Angaben über die Zahl der Toten und Verletzten seit Beginn der Dschihadisten-Offensive im Irak. Der amerikanische Außenminister Kerry spricht von einer „existenziellen Bedrohung“ für das Land.

          Der amerikanische Außenminister John Kerry hat am Dienstag in der irakischen Kurdenhauptstadt Arbil für eine schnelle Regierungsbildung in Bagdad geworben. Nach Gesprächen mit dem Präsidenten der autonomen Kurdenregion, Massud Barzani, sagte er, dass der Irak vor einer „existentiellen Bedrohung“ stehe, der die Führer des Landes „mit der gebotenen Eile begegnen“ müssten. Laut Verfassung muss das im April gewählte neue Parlament bis Ende Juni zu seiner ersten Sitzung zusammenkommen und bis Mitte August einen neuen Ministerpräsidenten wählen.

          Barzani sagte dem amerikanischen Sender CCC: „Der Irak fällt augenscheinlich auseinander.“ Es sei an der Zeit, dass die Kurden ihre Zukunft bestimmten, und seine Regierung werde sich nach der Entscheidung richten. Barzani hatte zuletzt scharfe Kritik am schiitischen Regierungschef Nuri al Maliki geäußert, dessen Bündnis „Staat des Rechts“ bei der Parlamentswahl als Sieger hervorging, eine absolute Mehrheit jedoch verfehlte. Seit Beginn der Offensive der sunnitischen Terrorgruppe Islamischer Staat im Irak und in (Groß-)Syrien (Isis) wächst der Druck auf Maliki, seine sunnitischen und auch schiitischen Kritiker stärker in ein neues Kabinett einzubinden. Amerikanische Diplomaten betreiben nach amerikanischen Medienberichten hinter den Kulissen seinen Rücktritt. Unter den Kurden nimmt die Sorge angesichts des Isis-Vormarsches zu, da Kurdengebiete an von den Extremisten kontrollierte Regionen grenzen.

          Kurdenführer Massud Barzani empfängt John Kerry: „Gebotene Eile“

          Mindestens 1075 Menschen sind seit Beginn der Isis-Offensive vor 17 Tagen im nordirakischen Mossul getötet worden, sagte am Dienstag in Genf ein Sprecher der Behörde des Hohen Kommissars für Menschenrechte der Vereinten Nationen; 658 weitere seien verletzt worden. Berichte von Massentötungen nichtsunnitischer Bewohner Mossuls und anderer Städte, die die Dschihadisten eingenommen haben, haben den Vormarsch der Isis-Kämpfer aus dem Norden und Westen des Iraks in Richtung der Hauptstadt begleitet.

          Seit dem Wochenanfang kontrolliert die auf mehrere tausend Mann geschätzte Dschihadistenmiliz neben dem Grenzübergang Turabil zu Jordanien auch die Stadt Rutba entlang der strategisch wichtigen Straße zwischen Bagdad und Amman. Der südlichste irakisch-syrische Grenzübergang Qaim sowie vier Städte in der westirakischen Provinz Anbar fielen ebenfalls in die Hände der Isis-Terroristen.

          Da im Nordirak die kurdische Peschmerga-Truppe den vierten offiziellen syrisch-irakischen Grenzübergang kontrolliert, haben die Einheiten der Bagdader Zentralregierung inzwischen die Kontrolle über die komplette Westgrenze des Landes verloren. Ein Militärsprecher widersprach Berichten, nach denen die sunnitischen Extremisten die strategisch wichtige und seit Tagen umkämpfte Ölraffinerie nahe der Stadt Baidschi eingenommen haben. Der Sender BBC zitierte einen örtlichen Journalisten mit den Angaben, 160 Soldaten der Regierung hätten nach Verhandlungen mit örtlichen Stammesführern ihre Waffen niedergelegt. Später berichteteten irakische Regierungsmitarbeiter von Luftangriffen in der Region.

          Merkel „sehr besorgt“ über den Irak

          Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich „sehr besorgt“ über die Situation im Irak gezeigt. Vor einem Meinungsaustausch mit dem jordanischen König Abdullah II. im Kanzleramt sagte sie am Dienstag mit Blick auf den Isis-Vorstoß, wie die jüngste Entwicklung zeige, sei auch Jordanien betroffen. Wie in Syrien bringe nur eine politische Lösung eine dauerhafte Stabilisierung. Es sei wichtig, alle Teile der Bevölkerung in den Dialog einzubeziehen und schnell eine Regierung zu bilden, sagte sie, ohne den amtierenden Ministerpräsidenten Nuri al Maliki zu erwähnen.

          Auch Abdullah forderte eine „inklusive“ Regierung in Bagdad. Sein Land hoffe auf Hilfe im Kampf gegen die grenzüberschreitend agierenden Terroristen. Amman hat seine Streitkräfte entlang der Grenze zum Irak in Alarmbereitschaft versetzt, nachdem Isis-Kämpfer Grenzübergänge besetzt hatten. Außenminister Frank-Walter Steinmeier erinnerte an die Verantwortung Amerikas: „Der Krieg gegen den Irak hat die Machtverhältnisse in der Region verschoben“, sagte er der „Bild“-Zeitung. Nach dem Abzug der amerikanischen Streitkräfte sei ein „in sich zerstrittenes und instabiles Land zurückgeblieben“. Das sei nicht die Verantwortung von Barack Obama, der als damaliger Senator die Intervention abgelehnt habe. „Aber wahr ist auch: Die Region ringt bis heute mit den Folgen des Irak-Kriegs.“

          Aufgrund des Isis-Vorstoßes hat die deutsche Botschaft ihre Präsenz auf eine Kernmannschaft unter Botschafterin Brita Wagener reduziert. Die deutsche Präsenz ist derzeit aber noch wichtig, um die Ausreise deutscher Staatsbürger zu organisieren. Dies zeigte sich Mitte Juni, als eine Gruppe von deutschen und ausländischen Siemens-Ingenieuren aus umkämpften Gebieten ausgeflogen wurde. Seinerzeit hielt die Botschaft ständigen Kontakt zum Büro Malikis. Das Auswärtige Amt hat zur sofortigen Ausreise aller Deutschen aus dem sunnitischen Dreieck um Ramadi, Baquba und Takrit sowie aus Mossul aufgerufen. Auch für den Großraum Bagdad gilt eine vorübergehende Ausreiseempfehlung.

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