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Kaczynskis Ruhestätte : Politik in der Gruft

Der Tod hat Kaczynski in die Reihe der Unsterblichen erhoben und seinem Bruder im Wahlkampf Unantastbarkeit verliehen Bild: F.A.Z. - Foto Wolfgang Eilmes

Drei Monate nach der Flugzeugkatastrophe von Smolensk wählen die Polen ein neues Staatsoberhaupt. Lech Kaczynski ist die heimliche Hauptfigur des Wahlkampfs. Sein Grab ist zur Bühne eines Mysterienspiels geworden.

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          In seiner stillen Amtsstube am Tor mit der Drachenrippe greift Dompropst Zdzislaw Sochacki zur Fernbedienung. Ein Tastendruck, ein Monitor blinkt auf: Kinder unten im Dunkeln, unter der Kathedrale, Kinder und kein Ende. Jungs mit Baseballkappen und kurzen Hosen, Mädchen mit Sandalen und Zöpfen. Sie berühren den glatten Onyx des Sarkophags, knien nieder, lassen die Hand über den kühlen Stein streifen, schlagen das Kreuzzeichen, werden weitergedrängt. Stockend und vorwärtsdrängend zieht eine endlose Karawane durch die Gruft im Wawelfelsen, zuerst vorbei an der Urne mit Erde aus Katyn, dann im Bogen um den bronzenen, an den Ecken von tausend Händen blankgescheuerten Sarg des Marschalls Pilsudski, zuletzt zum Ziel, zum Sarkophag von Lech und Maria Kaczynski. Seit das am 10. April verunglückte Präsidentenpaar hier begraben ist, kommen täglich bis zu 15.000 Menschen hier vorbei – junge, alte, Männer, Frauen, vor allem aber Schulklassen. Schulklassen ohne Ende.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Draußen am Licht ist der Kampf um Kaczynskis Nachfolge längst im Gang. An diesem Sonntag wird gewählt, doch hier unten wird klar, dass der tote Präsident in diesem Wahlkampf immer noch die Hauptfigur ist. „Unglaublich“, flüstert der Propst. „Unglaublich.“

          Warum das Grab auf dem Wawel?

          Drei Monate ist es her, dass das Flugzeug von Lech und Maria Kaczynski mit 96 Menschen an Bord auf dem Weg nach Katyn in Russland verunglückt ist. Das Grab des Präsidenten ist seither zur Bühne eines Mysterienspiels geworden, das in der europäischen Politik seinesgleichen sucht. Kaczynskis Russlandflug war von Anfang an als Reise ins Innere der nationalen Mythen gedacht gewesen. Im beginnenden Wahlkampf hatte er, der zusammen mit seinem Bruder Jaroslaw das nationalkonservativ-katholische Lager in Polen führte, die Erinnerung an jene sowjetischen Morde wachrufen wollen, für die der Friedhof von Katyn bei Smolensk zum Wahrzeichen geworden ist. Die Opfer, 22.000 gefangene polnische Offiziere, Beamte, Geistliche und Intellektuelle, waren 1940 auf Befehl des Diktators Stalin erschossen worden, nachdem die Sowjetunion Ostpolen annektiert hatte, während Deutschland den Westen nahm.

          Zdzislaw Sochacki, Priester  und Hausherr der Kathedrale auf dem Wawel in Krakau

          Kaczynskis Tod an diesem Schauplatz nationaler Leidensgeschichte hat Polen betäubt und fasziniert. Dass er nach so einem Tod nur hier ruhen dürfe, unter der Krakauer Wawelkathedrale, in der Grablege der polnischen Könige, hat früh festgestanden. Kaczynski war zwar kein besonders erfolgreicher Präsident gewesen. Zuletzt hatte er kaum Chancen auf Wiederwahl, aber im Augenblick der Tragödie spielte das keine Rolle mehr. Während die schockierte politische Klasse sich anschickte, die Wahl seines Nachfolgers zu organisieren, während das dominierende liberalkonservative Lager um Ministerpräsident Tusk Sejmmarschall Bronislaw Komorowski aufstellte, den jovialen Parlamentspräsidenten, während die nationale Rechte Kaczynskis Zwillingsbruder Jaroslaw ins Rennen schickte, ist der Prozess der Mythologisierung vorangeschritten. Dass der tote Präsident zur dominierenden Figur des Wahlkampfs wurde, war die fast zwingende Folge.

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