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Parlamentswahlen in Kanada : Die Sorgen des Sonnyboys

  • -Aktualisiert am

„Choose Forward“ lautet der Slogan von Justin Trudeau und den Liberalen in Kanada. Bild: Reuters

Vor den anstehenden Parlamentswahlen in Kanada liegen Liberale und Konservative gleichauf. Da große Streitthemen fehlen, kommt es zu persönlichen Angriffen. Die Wahl wird zu einem Referendum über Justin Trudeau.

          5 Min.

          Dass Kanadier einem Premierminister keine zweite Amtszeit gönnen, ist die große Ausnahme. Gemessen daran, dass das Land derzeit wirtschaftlich alles in allem gut dasteht, ist es schon erstaunlich, dass Justin Trudeau, der einstige Sonnyboy der kanadischen Politik, durchaus Grund zur Sorge hat. Die größte Stärke des liberalen Premierministers, behaupten böse Zungen in Ottawa, sei die Schwäche Andrew Scheers, seines Herausforderers von den Konservativen.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Landauf, landab setzt Trudeau wieder sein jungenhaftes Lächeln ein. Schwungvoll springt er auf die Wahlkampfbühnen, die Hemdsärmel hochgekrempelt, die Krawatte gelockert. Dann redet er darüber, dass es am 21. Oktober gelte, sich für den Fortschritt zu entscheiden. „Choose Forward“, lautet der Slogan der Liberalen nach vier Jahren in der Regierung. Er enthält ein Eingeständnis: Wir haben uns auf den Weg gemacht, auch wenn wir viele Ziele noch nicht erreicht haben, heißt die implizite Botschaft, die jene versöhnlich stimmen soll, die er enttäuschte.

          2015 war Trudeau angetreten, „real change“, echten Wandel, zu bringen. Die Anleihe bei Barack Obama war kein Zufall im Wahlkampf gegen Stephen Harper, den einstigen engen Verbündeten George W. Bushs, der nach neun Jahren an der Regierung wie aus der Zeit gefallen schien. Der Wahlsieg des seinerzeit 43 Jahre alten Trudeau war eine Zäsur; er war angetreten, das Land gesellschaftspolitisch in die Moderne zu führen: Feministisch, ökologisch und noch multikultureller sollte Kanada werden. Die populistische Welle, die bald durch die westliche Welt wandern sollte, war noch fern. Noch gab es weder das Brexit-Votum noch Donald Trump im Weißen Haus. Die großen Hoffnungen, die mit Trudeau verbunden wurden, sind heute eine Bürde für ihn.

          Dieser Tage standen die Parteiführer in Kanadas Historischem Museum in Gatineau bei Ottawa auf der Bühne – zur letzten Fernsehdebatte in englischer Sprache. Oppositionsführer Scheer schaltete gleich auf Angriff: Anspielend auf eine Aladin-Kostümierung Trudeaus in jungen Jahren, über die kürzlich im politisch höchst korrekten Kanada aufgeregt debattiert worden war, sagte er: Der Premierminister könne sich nicht erinnern, wie oft er sich braune Schminke ins Gesicht geschmiert habe, weil er immer eine Maske trage. Erst habe er die Versöhnungsmaske aufgesetzt und dann die erste indigene Ministerin gefeuert. Dann habe er die feministische Maske aufgesetzt und später zwei Frauen aus dem Kabinett geschmissen, weil diese sich seiner Korruption entgegengestellt hätten. Schließlich habe er die Mittelschichtsmaske angezogen, nur um kurz danach die Steuern für Kanadas Familien zu erhöhen.

          Scheer bilanzierte: „Mr. Trudeau, Sie sind ein Schwindler. Sie sind ein Betrüger. Und Sie verdienen es nicht, dieses Land zu regieren.“ Für Kanada ist das starker Tobak. Die Vertreter der etablierten Parteien gehen traditionell eher pfleglich miteinander um. Scheer aber muss zu dem Schluss gekommen sein, in Ermangelung großer Streitthemen sei die persönliche Attacke seine einzige Chance. Der 40 Jahre alte Politiker sitzt seit 15 Jahren im kanadischen Unterhaus. 2011, als die Konservativen noch die Parlamentsmehrheit stellten, war er zum Speaker gewählt worden – zum jüngsten in der Geschichte des Landes. Er ist ein ziemlich glatter Berufspolitiker mit einem sozialkonservativen Profil. Der gläubige Katholik lebt mit seiner Familie, seiner Frau und den fünf Kindern, in seinem Wahlkreis in Saskatchewan im westlichen Kanada.

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