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Justin Trudeau : Aladin hat Ärger

  • -Aktualisiert am

Hoffnungsträger unter Druck: Justin Trudeau Bild: Reuters

Es ist nicht ironisch, dass Justin Trudeau mit seiner Aladin-Verkleidung nun in die selbstgestellten Fallen geht. Es ist folgerichtig.

          1 Min.

          Ein junger Mann, der gerade seinen ersten Job als Lehrer angenommen hat, ist zu einer Kostümparty eingeladen. Motto: arabische Nächte. Er verkleidet sich als Aladin, schminkt sich das Gesicht braun und setzt sich einen Turban auf den Kopf. Auf der Party werden Fotos gemacht. Man blödelt herum und lächelt in die Kamera. Zwanzig Jahre später belasten diese Fotos den einstigen Aladin, der heute kanadischer Premierminister ist, mitten im Wahlkampf.

          Dem „Time Magazine“ war das Bild, das aus einem Jahrbuch der Schule stammt, zugespielt worden. Justin Trudeau wusste sogleich, was für ihn auf dem Spiel steht. Er verwies aber nicht etwa darauf, dass damals andere Befindlichkeiten herrschten, oder darauf, dass es sich um ein unschuldiges Kostüm handle. Er sagte, er hätte es besser wissen müssen. Und: „Es war etwas, von dem ich damals nicht dachte, dass es rassistisch wäre, aber jetzt erkenne ich, dass es etwas Rassistisches war.“ Brownface, Blackface, Aladin, Ku-Klux-Klan-Mitglied – alles Rassismus, keine Differenzierung mehr möglich. Ein Mea culpa nach der Devise: Wer sich selbst derartig geißelt, verdient höchste Solidarität.

          Trudeau braucht diese aus zwei Gründen: Der Liberale war vor vier Jahren mit einer progressiven Agenda angetreten: als Frauenversteher, als Champion des multikulturellen Kanadas, als Förderer der indigenen Bevölkerungsteile. Er bediente also den identitätspolitischen Zeitgeist, der von Amerika ins nördliche Nachbarland herübergeschwappt war und der eine kaum noch zu kontrollierende Eigendynamik entfaltet hat. Ein Zeitgeist, der zu einer politisch sterilen Sprache zwingt, weil sich jeder als potentielles Opfer fühlt. Die Gesellschaft selbstbewusster Bürger wird so zunehmend ersetzt durch eine Gemeinschaft, die sich als Summe von Minderheiten versteht, die Anspruchsrechte einklagen und ihre Befindlichkeiten gleichsam religiös überhöhen.

          Es ist nicht ironisch, dass Trudeau nun in die selbstgestellten Fallen geht, es ist folgerichtig. Ironisch ist vielmehr, dass Donald Trump im Weißen Haus sitzt und auf die Frage, was er zu dem Aladin-Bild Trudeaus sage, mit betroffener Miene antwortet: Er sei sehr überrascht über Justin.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

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