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Junge Palästinenser : Ein bißchen Karriere, ein bißchen Märtyrertum

  • -Aktualisiert am

Damit auch die Familie zusehen kann, wird die Diplom-Feier per Video übertragen Bild: picture-alliance / dpa

Bei jungen Palästinensern gehört Hamas zur Alltagskultur. Koalitionen mit Fatah finden kaum Anklang. Islamistische Prüderie auch nicht, solange man sich nicht an die islamische Universität Gaza begibt.

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          Die älteren Semester erinnern sich noch gut an den Winter 2003. Damals erlebte die Bir- Zeit-Universität im Westjordanland ihren bis dahin härtesten Wahlkampf um den Studentenrat. Drei Jahre lang hatte die Universitätsverwaltung die Wahlen wegen der Intifada ausfallen lassen, dann sollten sie auf Druck der Studenten wieder stattfinden.

          Die jungen Wahlkämpfer der Fatah-Partei von Palästinenser-Präsident Arafat gaben sich siegessicher und rühmten sich des ungebrochenen Widerstandes gegen die israelischen Besatzer. Doch bei einer Debatte sorgte der Hamas-Kandidat Rami Barguti dann mit der Frage für Aufruhr, wie viele Israelis denn die Fatah-Aktivisten der Uni schon umgebracht hätten. „Für den islamischen Block sind es 135“, verkündete er unter tosendem Applaus. Da half es nicht mehr, daß die Fatah-Truppe die öffentliche Sprengung von Miniaturmodellen israelischer Siedlungen organisierte. Die Hamas konterte mit nur zentimetergroßen Bussen, die sie zur allgemeinen Belustigung in die Luft jagte.

          „Es war ein unschöner Wahlkampf“, sagt Hischam Ahmed, der an der Universität Politikwissenschaft lehrt. Bei den Wahlen bekam die Hamas 25 Mandate, die Fatah kam nur auf 20. „Mich hat das Ergebnis damals alarmiert“, sagt Ahmed heute. Obwohl man natürlich Studentenwahlen nicht überbewerten solle: „Sie wissen ja, jugendlicher Überschwang...“

          Studieren unter schweren Bedingungen: die von Bomben zerstörte Universität von Gaza

          Diskussion mit jugendlichem Eifer

          Doch der Wahlsieg der Hamas bei den Parlamentswahlen dieses Jahr habe ihn nach dieser Erfahrung nicht wirklich überrascht. Und auch an der Uni habe die Hamas es ziemlich gut verstanden, sich Freunde zu machen: „Die gewähren Stipendien und verteilen kostenlos Bücher.“ Im kleinen Gebäude der Studentenverwaltung sitzen junge Hamas-Mitglieder und streiten über die Zukunft ihres Landes und ihrer Partei. Ein abgewetzter Sessel, ein paar wackelige Holzstühle und ein Metallschrank, der mit Märtyrerpostern beklebt ist, geben dem Raum studentisches Flair.

          Am meisten redet Nassir, dessen Vater bei der Fatah ist und der schon deshalb ein ganz besonders überzeugtes Hamas-Mitglied sein will. „Was haben die Fatah-Leute denn schon geschafft, außer sich selbst zu bereichern?“ fragt er. Er ist gegen eine Koalition von Hamas und Fatah. „Wir dürfen die Unterschiede nicht verwischen“, mahnt Nassir und meint die Koalition mit der Fatah, die derzeit angebahnt wird. Ein schmächtiger Junge widerspricht: „In einer Koalition können wir Abu Mazen besser auf die Finger gucken, damit er das Rückkehrrecht für unsere Flüchtlinge nicht aufgibt.“

          So geht das stundenlang. Sie diskutieren mit jugendlichem Eifer. Ihre Argumente sind nicht immer bis zur letzten Konsequenz durchdacht, werden dafür aber um so bestimmter vertreten. Mit leiser Stimme fordert ein tief verschleiertes Mädchen schließlich: „Die Juden müssen zurück nach Europa, wo sie hergekommen sind.“ Nassir widerspricht vehement. Er kann sich einen binationalen Staat gut vorstellen. „Wir wollen die Juden nicht töten oder vertreiben“, stellt er klar. „Aber das Land muß von Muslimen kontrolliert werden, Juden und Christen können in Palästina als Gäste ein schönes Leben haben.“ Dann schenkt er Tee nach, als wolle er beweisen, wie nett Gäste in Palästina behandelt werden.

          Lernen für eine bessere Zukunft

          Bir Zeit gilt - je nach Blickwinkel - als islamistisches Wespennest oder als liberale Forschungsstätte nach amerikanischem Vorbild. Beide Sichtweisen haben ihre Berechtigung. Rund 7.000 Studenten sind hier eingeschrieben, über die Hälfte von ihnen sind Frauen. Auch wenn jeder auf dem Campus von einem Trend zur Verschleierung unter Studentinnen spricht, sind junge Frauen mit engen Jeans und gar nicht prüden T-Shirts keine Seltenheit. Schüchtern wird geflirtet, und manchmal kann man sogar ein junges Paar bei einer flüchtigen Berührung erwischen.

          Die schöne Leila sitzt mit einigen Freundinnen auf einer Bank vor der juristischen Fakultät. Sie reden nicht über Politik, sondern von Heirat, wie sie kichernd und verschämt zugeben. Gerade wird angeregt diskutiert, ob Mütter gleichzeitig auch noch als Rechtsanwältinnen arbeiten können. Leila will „nur“ vier Kinder - das sei modern heute, sagt die junge Frau, die bei den Parlamentswahlen Hamas gewählt hat. Außerdem will sie Frieden, am besten auf der Grundlage der „Genfer Initiative“, eines Modellvertrags, den israelische und palästinensische Friedensaktivisten 2003 ausgehandelt haben. So reden Leila und ihre Freundinnen pausenlos von der Zukunft, von ihren Lebensplänen. Wovon sollten Studenten im Alter von 20 Jahren auch sonst reden?

          In Bir Zeit sind es oft die Professoren, die verbittert, leer und von der Politik enttäuscht wirken, während die Studenten trotz aller Schwierigkeiten eine vielleicht naive, aber ebenso lebensfrohe wie kämpferische Hoffnung an den Tag legen. „Ich lerne für mein Land“, sagt Leilas Freundin Amina. „Damit ich meinen Teil zu einer besseren Zukunft beitragen kann.“

          Religiöse und liberale Universitäten

          Das Lernen ist in Bir Zeit nicht immer leicht. Zwischen 1979 und 1992 war die Universität mehr als die Hälfte der Zeit geschlossen. Die Fatah-Politikerin und ehemalige Dozentin Hanan Aschrawi erinnert sich, wie sie im Untergrund unterrichtete: „Wir haben uns auf Feldern, in Kirchen und Moscheen und sogar bei den Studenten zu Hause getroffen, um weiter arbeiten zu können.“ Auch heute machen unangekündigte Checkpoints der israelischen Armee den Studenten die Anreise oft zur Hölle. In der Pause nach der ersten Vorlesung werde immer ausführlich besprochen, wer wie lange für seine Anreise gebraucht hat, sagt Amina.

          Dann will Leila zur Toilette gehen, um ihr Make-up zu erneuern. Doch ist Make-up eigentlich mit dem Islam vereinbar? Die Frage macht sie wütend: „Wir sind hier schließlich nicht auf einer Islamischen Universität“, ruft sie empört. In Gaza, da würden die Professorinnen kontrollieren, ob die Studentinnen heimlich Mascara benutzen. „Aber hier doch nicht!“

          An der „Islamischen Universität Gaza“ geht es tatsächlich anders zu. Frauen betreten den beeindruckenden Campus inmitten des ärmlichen Gazastreifens durch den einen Eingang, Männer kommen durch ein anderes Tor. Jede Vorlesung findet gleich zweimal statt: einmal für die Studenten und noch einmal für die Studentinnen. Es gibt getrennte Mensen, die Laboratorien und die Bibliothek haben Öffnungszeiten für Männer und Öffnungszeiten für Frauen. Die „Islamische Universität“ sei eben eine religiöse Schule, so wie es auch jüdische Religionsschulen und katholische Universitäten gebe, sagt der Präsident, Kamalain Schaath.

          Wirtschaft gegen Hunde und Affen

          Verbindungen zur Hamas gebe es nicht. Darum muß es wohl Zufall sein, daß 16 der neugewählten Hamas-Abgeordneten im palästinensischen Legislativrat zuvor auf der Gehaltsliste der Universität standen, darunter Ministerpräsident Haniya und Außenminister Zahar. Während man in Bir Zeit immer den Eindruck hat, hier würden junge Menschen mit radikalen Ideologien so spielen, wie es unter europäischen Studenten früher zum guten Ton gehörte, für die Weltrevolution einzutreten, so begegnet man in Gaza den wahren Gläubigen. Religionsunterricht macht fast die Hälfte der Pflichtveranstaltungen aus.

          „Die Juden wollen uns ausrotten und vertreiben“, sagt ein junger Mann, der sich mit seinen Freunden nur ungern beim Fußballtraining stören läßt. „Darum wird es nie Frieden geben.“ Den Ball auf der Fußspitze balancierend, meint ein anderer: „Weißt du, was der Prophet von den Juden gesagt hat? Hunde und Affen sind sie, Hunde und Affen. Und du glaubst, wir können unser Land nicht von Hunden und Affen befreien?“

          Auf die Frage, was er denn studiere, um sein Land später von den „Hunden und Affen“ befreien zu können, zögert er. „Ich studiere Wirtschaftswissenschaften“, antwortet er dann. „Damit ich später mal meine eigene Firma leiten kann, wenn Frieden ist.“ Dann ruft der Muezzin zum Gebet, und die Jungen brechen das Gespräch ab.

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