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Julia Timoschenko : Schillernde „Gasprinzessin“

  • -Aktualisiert am

Julia Timoschenko Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

Es hätte nicht viel gefehlt, und Julija Timoschenko wäre womöglich im Moskauer Gefängnis „Matrosenruhe“ gelandet. Jetzt landet sie womöglich auf dem Sessel des ukrainischen Ministerpräsidenten.

          4 Min.

          Es hätte nicht viel gefehlt, und Julia Timoschenko wäre womöglich in Moskaus „Matrosenruhe“ gelandet, dem Gefängnis, in dem Michail Chodorkowskij, der einstige Yukos-Chef, seit mehr als einem Jahr sitzt.

          Als der ukrainische Präsidentschaftswahlkampf im Oktober seinem Höhepunkt zustrebte, luden russische Staatsanwälte Timoschenko nach Moskau vor - einer alten Geschichte wegen, von der die Öffentlichkeit nicht sicher sein kann, ob sie stimmt. Selbstverständlich kam Julia Timoschenko nicht; ihr Glück war, daß sie als Abgeordnete der Werchowna Rada, des ukrainischen Parlaments, nicht einfach ausgeliefert werden konnte. Daraufhin baten die Russen Interpol um Hilfe, aber der internationale Haftbefehl wurde nach nur einem Tag zurückgenommen. Die Russen hätten zu wenig Details, um das Ganze einschätzen zu können, hieß es zur Begründung.

          Bestechungsvorwürfe

          Durchgesickert war schon vor längerer Zeit, daß die Russen Frau Timoschenko vorwarfen, sie habe Mitte der neunziger Jahre für die Bestechung von Beamten des russischen Verteidigungsministeriums gesorgt, um überhöhte Preise für Ausrüstungen und Energie zu erzielen, die ihre Firma an die russische Armee lieferte. Timoschenko erklärte, sie werde nicht nach Moskau fahren, denn erstens seien die Anschuldigungen grundlos und nur erdacht, um sie auszuschalten. Und zweitens sei sie in der Ukraine unabkömmlich.

          Zierliche Frau mit gewaltigem Mundwerk

          In der Tat, ohne die zierliche Frau mit dem gewaltigen Mundwerk und einer großen Portion Mutterwitz wären Juschtschenkos Wahlkampfveranstaltungen kaum so unterhaltsam gewesen. Die Arbeitsteilung bei den gemeinsamen Auftritten, wenn Juschtschenko ukrainisch sprach und Timoschenko die Massen in russischer Sprache erreichte, war eine blendende Idee, vor allem im Osten und im Süden der Ukraine, weil dort viele russischsprachige Ukrainer und ethnische Russen leben. Und was wäre der "Majdan" in Kiew, was wäre die Revolution in Orange ohne sie gewesen, die die Massen mit ihrer suggestiven Stimme verzaubert.

          Mit Chodorkowskij hat Frau Timoschenko gemein, daß sie die Chancen nutzte, die sich umtriebigen Leuten mit guten Kontakten im Chaos der Übergangszeit nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion boten. Sie gehörte zur Generation der "Golden Kids, die damals rasch viel Geld machten und ihren neuen Reichtum auch gern herzeigten. Mit einem Videokassettenverleih in Dnepropetrowsk im Südosten der Ukraine hatte die diplomierte Wirtschaftswissenschaftlerin 1989 noch ziemlich bescheiden begonnen. Dann ging es steil bergauf.

          Offenherzige Berichte

          Die Familie - Julias Ehemann Aleksandr war der Sohn einer früheren Parteigröße in der Region - begann, landwirtschaftliche Betriebe mit Treibstoff zu beliefern. Bis Mitte der neunziger Jahre hatte Timoschenko es bereits zum Generaldirektor der „Vereinigten Energiesysteme der Ukraine“ gebracht, eines Unternehmens, das mit russischen Energieträgern handelte. Ein halbes Jahrzehnt später berichtete sie offenherzig über diese Zeit: Während es noch keinen richtigen Gesetzesrahmen für privates Wirtschaften gegeben habe, habe man nach den Regeln der korrupten Staatsbeamten spielen müssen, die jedes Unternehmen, das sich bildete, auszusaugen suchten.

          Jonglieren mit den Gesetzen

          Steuern habe man auch gespart, durch Jonglieren mit den Gesetzen und unter Einsatz von „Off-shore-Firmen“. Vom Staatsvermögen habe sie jedoch keine einzige Kopeke gestohlen. Die ukrainische Generalstaatsanwaltschaft sah das anders und ließ sie im Frühjahr 2001 verhaften. In den „Kiewer Nachrichten“ waren zuvor Texte mit angeblichen Auszügen aus dem Behördenmaterial erschienen, während Frau Timoschenko einen Koffer mit den notwendigsten persönlichen Sachen in ihrem Büro hatte, weil sie stets damit rechnete, abgeholt zu werden.

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