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Jugo-Nostalgie : Mit Marschall Tito zurück in die Jugend

Gedenken an einen Diktator: Ein Bewunderer posiert am Montag, den 4. Mai, dem Todestag Titos, in Belgrad mit dessen Konterfei Bild: AP

Sie fahren mit dem Tito-Express, sprechen Serbokroatisch und lassen sich vom Diktatoren-Double galant die Hand küssen: Tausende Slowenen zieht es jedes Jahr nach Belgrad, um auf den Spuren des früheren jugoslawischen Herrschers zu wandeln.

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          Als aus der slowenischen Hauptstadt Laibach (Ljubljana) jüngst die Kunde nach Belgrad drang, der dortige Stadtrat plane, eine Straße nach Josip Broz Tito zu benennen, hat das an dessen ehemaliger Wirkungsstätte kaum für Erstaunen gesorgt. Man kennt seine Slowenen hier und weiß seit langem, dass der Herrscher über das zweite Jugoslawien in Slowenien bei vielen bis heute (oder zumindest heute wieder) populär ist. Man weiß es nicht nur, man verdient auch Geld damit: Seit Jahren führen Slowenen die serbischen Gästestatistiken an.

          Michael Martens
          Korrespondent für südosteuropäische Länder mit Sitz in Wien.

          Im Jahr 2007 zählte die Fremdenverkehrsbehörde knapp 75.000 Übernachtungen von Slowenen in Belgrad; damit stellten Slowenen unter den etwa 790.000 registrierten ausländischen Belgrad-Besuchern jenes Jahres vor Reisenden aus Montenegro, Bosnien und Deutschland die größte Gruppe. Doch während Montenegriner, serbische Bosnier und Gastarbeiter aus Deutschland in aller Regel Familiäres oder Geschäftliches in die ehemalige Hauptstadt Jugoslawiens treibt, stellen bei den Slowenen gewöhnliche Touristen einen großen Anteil.

          Die beste Kulisse für den Start ins neue Jahr

          Junge Slowenen strömen vor allem zu Silvester in die Stadt, da sie ihnen im Vergleich zu dem sauber herausgeputzten, aber auch wie sanft entschlafen wirkenden Laibach die bessere Kulisse für den Start in ein neues Jahr bietet. Am 31. Dezember eines jeden Jahres wird Slowenisch gleichsam zur zweiten Amtssprache in der Innenstadt. Dass Rauchverbote in Belgrad nur formal gelten und die Cafés preiswert sind, trägt ein Übriges zur Beliebtheit der serbischen Hauptstadt bei der jüngeren Klientel bei.

          Die Bewunderung für „ihren” Tito geht vielen Slowenen förmlich unter die Haut
          Die Bewunderung für „ihren” Tito geht vielen Slowenen förmlich unter die Haut : Bild: AP

          „Wenn ich Slowenen frage, warum ihnen unsere Stadt so gut gefällt, sagen sie oft, Belgrad strahle eine Menge Energie ab“, sagt Jasna Dimitrijevic, die Chefin des Belgrader Fremdenverkehrsbüros. „Sie schwärmen von den Restaurants an Save und Donau, und viele kommen zu den Musik- oder Theaterfestivals. Da können sie große Musiker oder Dirigenten zu Preisen hören, die im Westen nicht üblich sind.“

          Eine Art kulturelle Restenergie bewahrt

          Tatsächlich hat sich Belgrad aus jugoslawischen Zeiten, als die Stadt ein gefragtes Zentrum internationaler Konferenzen war, eine Art kulturelle Restenergie bewahren können. Auch kann sich die Stadt immer wieder im regionalen Ringen um den Austragungsort von Großveranstaltungen durchsetzen. Die Rolling Stones waren da, Madonna soll kommen, und mit ihr werden wieder viele Gäste vom Balkan und auch von weither erwartet.

          Ankömmlinge aus „dem Westen“ staunen dann regelmäßig über eine Stadt, die zwischen den innerstädtischen Bombenruinen aus dem Kriegsjahr 1999 moderner ist, als sie sich das vorgestellt haben. Eine Stadt, in der man schon seit Jahren Parkscheine per SMS lösen oder Supermarktbestellungen per E-Mail aufgeben und sich zur Wohnung bringen lassen kann. Doch damit ist das slowenische Interesse an Belgrad nicht vollständig erklärt. Ein maßgeblicher Teil davon ist rückwärtsgewandt: Es ist die Jugoslawien-Nostalgie, die viele Gäste aus dem ehemals jugoslawischen Norden nach Belgrad treibt.

          Kosovoalbaner würden im Traum nicht hier herkommen

          Im ehemaligen Jugoslawien ist diese Vorliebe für die serbische Hauptstadt - abgesehen von den Montenegrinern, die dort Verwandte besuchen - ein Alleinstellungsmerkmal der Slowenen. Albanern aus dem Kosovo würde es nicht im Traum einfallen, zum Vergnügen (oder überhaupt) nach Belgrad zu fahren, ebenso wenig wie Muslimen aus Bosnien-Hercegovina oder Kroaten. Die Wunden der Kriege, mit denen Milosevics Serbien die Nachbarländer überzog, sind noch nicht verheilt.

          Offiziell hat das jugoslawische Zerfallsdrama zwar just in Slowenien begonnen, aber ob der kurze Feldzug der Jugoslawischen Volksarmee in Slowenien 1991 als „Krieg“ treffend charakterisiert werden kann, ist angesichts des Maßstabs der späteren Kämpfe in Kroatien, Bosnien und dem Kosovo fraglich. Je nach Quelle sind in Slowenien 1991 zwischen 62 und 92 Personen ums Leben gekommen, was nicht einmal einem Hundertstel der Opferzahlen des Krieges in Bosnien entspricht. Hinzu kommt, dass Serben und Slowenen die Kroaten gleichsam als Puffer zwischen sich wissen, der sie vor direktem Händel bewahrt.

          Reisen mit dem Tito-Express

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