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Juan Guaidó im Interview : Keiner wird sich für Maduro opfern

Welches wäre denn das ideale Szenario für die Venezolaner?

Sagen Sie es mir. Das mit den geringsten sozialen Kosten. Wirtschaftliche und finanzielle Stabilität, um den humanitären Notstand möglichst rasch und effizient zu beenden und den Rechtsstaat wieder herzustellen, der uns freie Wahlen ermöglicht. Das ist nur möglich, wenn Maduro weg ist. Der einzige, der mit einem Krieg droht, während er Militärmanöver veranstaltet und Waffen kauft, ist er. Es ist offensichtlich, dass er mit Blick auf die öffentliche Meinung die Möglichkeit eines Bürgerkrieges heraufbeschwören will. Das wird es in Venezuela nicht geben. Es gibt keinen Venezolaner, der sich für Maduros politische Zukunft opfern würde. Er hat keinen Führungsanspruch, das Volk folgt ihm nicht mehr. Er ist isoliert.

Maduro negiert die humanitäre Krise im Land. Glauben Sie, er hat den Bezug zur Realität verloren?

Das ist eine sehr diplomatische Weise, es auszudrücken.

Und trotzdem hat er weiterhin Unterstützer. Auch mächtige Länder wie China und Russland halten zu ihm. Hinzu kommt nun Indien, das Maduro möglicherweise mehr Öl abkaufen wird und damit einen Teil der amerikanischen Sanktionen neutralisieren könnte. Wie beurteilen Sie die Rolle dieser Länder im gegenwärtigen Konflikt?

Russland und China haben große Investitionen in Venezuela getätigt und sind verständlicherweise besorgt. Niemand will seine Investitionen verlieren. Doch es besteht große Einigkeit darüber, dass die beste Option für alle Investoren eine rasche Stabilisierung der Verhältnisse in Venezuela ist. 2018 hatten wir eine Inflation von zwei Millionen Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt ist in fünf Jahren 53 Prozent geschrumpft. Auch China müsste daran interessiert sein, dass sich das nicht fortsetzt. Dass Indien nun mehr Erdöl kaufen will, hat damit zu tun, dass dort Raffinerien auf das schwere venezolanische Erdöl ausgerichtet sind. Indien ist bereits der zweitgrößte Abnehmer. Andere solcher Raffinerien befinden sich in den Vereinigten Staaten und eine in China. Wer behauptet, es handle sich hier um einen Kampf ums Erdöl, und die Vereinigten Staaten wollten uns das Erdöl wegnehmen, der tut das aus Unwissenheit. Die Vereinigten Staaten sind historisch der wichtigste Abnehmer. Es ist kein Kampf links gegen rechts, wie einige das glauben machen möchten, sondern der Kampf der Venezolaner für unsere Freiheit.

Und Sie haben sich an die Spitze dieses Kampfes gestellt und sind damit zu Maduros größtem Feind geworden. Weshalb gehen Sie dieses Risiko ein?

In Venezuela Politik zu machen, kann einem buchstäblich das Leben kosten. Dreihundert junge Leute wurden in den vergangenen fünf Jahren getötet, nur weil sie protestierten. Es gibt dreitausend politische Gefangene, viele werden verfolgt oder sind im Exil. Das Regime muss heute, nachdem es getötet, gefoltert und verfolgt hat, einsehen, dass es uns nicht aufgehalten hat. Und das wird es auch nicht. Viele fragen sich, warum ich immer noch frei bin. Ich habe dafür drei Erklärungen: Wir halten uns an die Verfassung, wir werden von der internationalen Gemeinschaft anerkannt, und wir haben vor allem einen massiven Rückhalt in der Bevölkerung. Wir sehen alle die Hoffnung, die mögliche Zukunft, die Jugend, die Freiwilligen, die sich uns angeschlossen haben und vieles auf sich nehmen, um uns zu unterstützen. Das lässt sich nicht aufhalten. Ich habe keine Angst vor dem Regime. Meine größte Angst besteht heute darin, krank zu werden und in ein Krankenhaus zu müssen, wo es keine Medikamente hat.

Die Fragen stellte Tjerk Brühwiller.

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