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Juan Guaidó im Interview : Keiner wird sich für Maduro opfern

In Venezuela haben wir eine Diktatur. Zu sagen, dass wir Gespräche mit Offizieren führen, setzt diese einem großen Risiko aus. Es gibt Verfolgung und Folter in der Armee. Aber ja, es gibt Gespräche und Versuche, Kontakt aufzunehmen. Wir sprechen die Armee zum ersten Mal direkt an. Man muss sich vertrauen und miteinander sprechen können. Ich genieße einen gewissen Respekt, da meine Großväter im Militär waren. Wir müssen alle einbeziehen – die Armee und zivile Kräfte des Chavismus –, um freie und transparente Wahlen zu ermöglichen. Das ist meine Aufgabe als Interimspräsident. Wir brauchen die Armee. Der große Teil der Armee ist ebenso unzufrieden wie die Bevölkerung.

Dennoch scheint sich Maduro seiner Macht sicher zu sein. Und er tut, was er bisher immer machte in solchen Situationen: Er versucht die Krise auszusitzen. Wie gut sind Sie auf ein Spiel auf Zeit vorbereitet?

Welcher Diktator, der in seinen letzten Tagen ist, würde das eingestehen? Die Liste der Diktatoren ist lang, und die wenigsten haben ihre Macht freiwillig abgegeben. Unser Kampf gegen das Regime hat aber nicht erst jetzt begonnen, sondern vor Jahren. Wir haben Mehrheiten aufgebaut, die Parlamentswahlen gewonnen, die Repression gespürt und Freunde verloren. Wir haben immer mit friedlichen Mitteln gekämpft und sind heute stärker denn je. Sie fragen mich, wie lange wir das durchhalten? So lange wie es nötig ist. Wir haben viel Energie und Hoffnung und die Stärke des ganzen Volkes im Rücken.

Es ist nicht das erste Mal, dass sich die Opposition und das Volk gegen Maduro auflehnen. Was ist anders als in den vergangenen Jahren?

Vieles. Wir haben diesen Prozess seit langem vorbereitet. Wir haben heute eine Opposition, die sehr vereint ist. Doch nicht nur die politische Opposition, sondern auch Gewerkschaften, Studenten, Freiwillige, die katholische Kirche, Nichtregierungsorganisationen und große Teile der internationalen Gemeinschaft stehen hinter dieser Bewegung. Wir sind die Mehrheit, und wir verhalten uns dementsprechend.

Einige der Regierungen, die hinter Ihnen stehen, zeigen eine gewisse Ungeduld – besonders die Vereinigten Staaten. Selbst die Drohung einer Militärintervention steht weiterhin im Raum. Wie verhindern Sie, dass sich das nicht zu einem Problem für die öffentliche Meinung in Venezuela und in der internationalen Gemeinschaft entwickelt?

Ich will ganz ehrlich sein. Die Krise in Venezuela ist nicht in erster Linie ein Problem der internationalen öffentlichen Meinung, ganz bestimmt nicht für die Venezolaner, die seit Jahren für ihre Freiheit kämpfen. Ich zum Beispiel bin unter schwierigen Bedingungen aufgewachsen und habe eine Ausbildung in Venezuela absolviert. Wir haben vor mehr als zehn Jahren die Studentenbewegung aufgebaut, nun mit denselben Leuten die Opposition wieder vereint und den Rückhalt von etlichen Ländern erhalten, nicht nur von den Vereinigten Staaten. Für uns lässt sich das nicht auf einen geopolitischen und polarisierten Machtkampf reduzieren. Die Ungeduld kommt von den Venezolanern selbst. Die Ungeduld kommt von den Müttern, die ihre Kinder ernähren wollen. Und alle Entscheidungen, die wir treffen, kommen von den Venezolanern und sind souverän. Es gibt Venezolaner, die wären einer Militärintervention von außen nicht abgeneigt. Das wäre wohl nicht das ideale Szenario.

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