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Bekannter Reporter : Journalist de Vries nach Anschlag in den Niederlanden gestorben

Peter R. de Vries am 15. Februar 2019 in Osdorp Bild: EPA

Der niederländische Journalist Peter R. de Vries ist gestorben. Das gab seine Familie bekannt. Der 64-Jährige war vergangene Woche auf offener Straße in Amsterdam niedergeschossen worden.

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          Der niederländische Investigativjournalist Peter R. de Vries ist am Donnerstag an seinen Schussverletzungen gestorben. „Peter hat bis zum Ende gekämpft, konnte die Schlacht aber nicht gewinnen“, teilten seine Angehörigen in einer Erklärung mit. Sie seien „unglaublich stolz auf ihn und zugleich untröstlich“. De Vries, der durch eine eigene Fernsehsendung beliebt und bekannt wurde, war am vorigen Dienstag in der Innenstadt von Amsterdam mit fünf Schüssen aus nächster Nähe niedergestreckt worden, mindestens einer davon traf ihn in den Kopf. Seitdem hatte er in einem Amsterdamer Krankenhaus um sein Leben gerungen. Er wurde 64 Jahre alt.

          Thomas Gutschker
          Politischer Korrespondent für die Europäische Union, die Nato und die Benelux-Länder mit Sitz in Brüssel.

          Die Polizei hatte schon eine Stunde nach der Tat zwei Männer festgenommen, beide sitzen seither in Untersuchungshaft. Der 21 Jahre alte Delano G. wird verdächtigt, auf de Vries geschossen zu haben. Der 35 Jahre alte Pole Kamil E. soll den Fluchtwagen gefahren haben. Beide Männer haben eine kriminelle Vorgeschichte.

          Dauerhaften Polizeischutz lehnte de Vries ab

          Delano G. ist Cousin ersten Grades eines Straftäters, der 2019 für die Vorbereitung von Morden verurteilt wurde. Die Ermittler schreiben den Auftrag dem Rauschgifthändler Ridouan Taghi zu, dem in Amsterdam mit weiteren Angeklagten der Prozess wegen sechs weiterer Auftragsmorde gemacht wird. Vermutet wird, dass Taghi auch hinter dem Mord an de Vries stecken könnte. Der Journalist war seit Mitte 2020 Vertrauensperson des Kronzeugen in diesem Verfahren, Nabil B. Dessen früherer Anwalt und Bruder waren ebenfalls ermordet worden.

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          De Vries hatte 2019 offenbart, dass er auf einer Todesliste Taghis stehe. Der wiederum versicherte ihm damals brieflich, dass er nichts zu befürchten habe – das war allerdings, bevor de Vries zur Vertrauensperson des Kronzeugen gegen Taghi wurde. Dauerhaften Polizeischutz lehnte der Journalist ab. Allerdings wurde immer wieder darüber mit den Sicherheitsorganen verhandelt, wie ein Anwalt Nabil B.s am Montag im Sender NPO berichtete. „Die Gespräche verliefen nicht immer harmonisch“, sagte Peter Schouten. Außerdem habe der Staat immer eine Sorgfaltspflicht, falls es Hinweise auf eine konkrete Bedrohung gebe.

          „Angriff auf die Pressefreiheit und den Rechtsstaat“

          Der Angriff auf de Vries versetzte die Niederlande in einen Schockzustand, die Regierung und sogar König Willem-Alexander sprachen von einem Angriff auf die Pressefreiheit und den Rechtsstaat. Die Tat ereignete sich im Herzen Amsterdams, in einer belebten Straße mit zahlreichen Bars und Restaurants. Gleich um die Ecke liegt der Leidseplein, wo de Vries Gast der Sendung RTL Boulevard war. Der Täter lauerte ihm auf dem Rückweg zu seinem Wagen auf.

          Der Tatort des Anschlags in Amsterdam am 14. Juli
          Der Tatort des Anschlags in Amsterdam am 14. Juli : Bild: Thomas Gutschker

          An der Stelle des Angriffs haben Tausende Menschen seit voriger Woche Blumen und persönliche Würdigungen niedergelegt. De Vries hatte sich in seiner langen Laufbahn auf ungelöste Kriminalfälle spezialisiert und sich immer wieder persönlich für Angehörige eingesetzt. Zuletzt hatte er ein Crowdfunding organisiert, um das Schicksal eines 18 Jahre alten Mädchens aufzuklären, das vor 28 Jahren nach einer Studentenparty spurlos verschwunden ist. Am Dienstag wurde die Marke von einer Million Euro überschritten, die de Vries für entscheidende Hinweise ausloben wollte.

          De Vries hatte 1978 als Reporter bei der Boulevardzeitung De Telegraaf begonnen und sich schnell auf Kriminalfälle spezialisiert. Einem großen Publikum wurde er 1987 mit seinem Buch über die Entführung des Brauereibesitzers Freddy Heineken bekannt. In dem Bestseller, der später verfilmt wurde, beschrieb er die Tat aus der Sicht der beiden Entführer; mit einem von ihnen hatte er sich angefreundet. Im selben Jahr wurde de Vries Chefredakteur der Wochenzeitung Aktueel, bevor er sich 1991 selbständig machte. Von 1995 bis 2012 wurde seine Fernsehsendung „Peter R. de Vries, Kriminalreporter“ ausgestrahlt, die teils hohe Quoten erreichte und ausgezeichnet wurde. Darin ging er ungelösten Fällen nach und setzte verdeckte Kameras ein, um Täter zu überführen. Nach dem Ende der Sendung war oft zu Gast in Talkshows und Magazinen – wie an jenem Dienstag voriger Woche, der ihm zum Verhängnis wurde.

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