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Partygate : Das steckt hinter Johnsons Entschuldigung bei Königin Elisabeth II.

Coronakonform: Königin Elisabeth II. nimmt einsam Abschied von ihrem Ehemann Prinz Philipp in der St. Georgs-Kathedrale in Windsor. Bild: Reuters

Seit Tagen läuft die Untersuchung über Lockdown-Partys in der Downing Street. Das Timing in einem Fall bringt Premierminister Johnson in besondere Verlegenheit.

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          Am Freitag entschuldigte sich Boris Johnson ein weiteres Mal mal für eine Party an seinem Dienstsitz – diesmal bei der Königin. Auch wenn ein Regierungssprecher offenließ, wer die Entschuldigung in welcher Form überbracht hat, wird davon ausgegangen, dass sich der Premierminister persönlich eingeschaltet hat. Zuvor war bekannt geworden, dass sein früherer Kommunikationschef James Slack am 16. April vergangenen Jahres eine Abschiedsparty in seinem Büro gegeben hat – am Abend vor der Beisetzung Prinz Philips. Auch Slack entschuldigte sich am Freitag „vorbehaltlos für den Ärger und die Schmerzen, die das verursacht hat“.

          Jochen Buchsteiner
          Politischer Korrespondent in London.

          Die Party, die angeblich ohne Johnson stattfand, soll mit Musik und Tanz bis in den Morgen gedauert haben. Ein Mitarbeiter holte offenbar mit einem Koffer Alkohol-Nachschub in einem Supermarkt. Das Fest – sowie eine weitere Feier in einem anderen Büro – ist nun ebenfalls Teil der Untersuchungen, die von der Beamtin Sue Gray geleitet werden.

          Zum Zeitpunkt der Party herrschte Staatstrauer im Land, und die Lockdown-Regeln waren streng. Die Königin saß am nächsten Morgen allein auf der Kirchenbank der Kapelle von Windsor Castle – ihre Kinder und Enkel hatten mit Abstand Platz genommen – und nahm Abschied von ihrem Ehemann. Das Bild der einsam Trauernden war in den vergangenen Wochen oft in Erinnerung gerufen und als Gegenbeispiel zum Verhalten Johnsons und seiner Mitarbeiter hervorgehoben worden.

          Wein, Käse und „herrliches Wetter“

          Die Party spannt den Reigen alkoholgeschwängerter Versammlungen im Regierungsviertel auf fast zwölf Monate. Im politischen London ist mittlerweile von einem „Kulturproblem“ die Rede. Die erste bekannte Zusammenkunft dieser Art wurde durch ein Foto dokumentiert. Es zeigt, wie Johnson und seine Frau mit Mitarbeitern im Garten der Downing Street sitzen. Auf den Tischen stehen Wein und Käse. Johnson sagte über dieses Treffen am 15. Mai 2020: „Diese Leute waren bei der Arbeit und sprachen über Arbeit.“

          Zu dieser Zeit, am Ende des ersten Lockdowns, war es verboten, mehr als eine Person eines anderen Haushalts zu treffen. Am 20. Mai folgten etwa dreißig Mitarbeiter einer Einladung, die Johnsons persönlicher Referent an mehr als hundert Kollegen verschickt hatte. Man solle das „herrliche Wetter“ ausnutzen und seinen eigenen Alkohol mitbringen. Johnson stieß nach eigenen Angaben für 25 Minuten dazu und hatte den Eindruck, ein „Arbeitstreffen“ zu besuchen. Gleichwohl entschuldigte er sich am Mittwoch dafür, die Mitarbeiter „nicht ins Haus zurückgeschickt zu haben“.

          Nach Lockerungen im Sommer wurden die Maßnahmen im Herbst 2020 wieder verschärft. Am 13. November sollen sich Mitarbeiter und Freunde mit der Premierministergattin in der Privatwohnung der Johnsons getroffen haben; das wird dementiert. Zwei Wochen später nahmen Mitarbeiter Drinks im Büro einer Kollegin, und Johnson soll eine Rede gehalten haben. Am 10. Dezember fand eine Adventsparty im Bildungsministerium statt, am 14. Dezember ein Fest in der Tory-Zentrale. Am 15. Dezember wurde ein Foto aufgenommen, das Johnson zwischen zwei Mitarbeitern zeigt, während sie ein Online-Weihnachtsquiz veranstalten.

          Drei Tage später stieg dann die Party in Downing Street, die die Untersuchung ausgelöst hat. Nachdem ein entsprechender Bericht über die Party zunächst dementiert worden war, kam ein Video in Umlauf, das Mitarbeiter dabei zeigte, wie sie vier Tage später über den Abend mit „Wein und Käse“ scherzten. Johnson äußerte sich daraufhin „wütend“ und vermittelte den Eindruck, nichts von der Party gewusst zu haben.

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