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Corona in Großbritannien : Johnson: Haben „gefährlichen Wendepunkt“ erreicht

Eine Familie aus Liverpool sieht sich die Ansprache von Premierminister Boris Johnson im Fernsehen an. Bild: AFP

Großbritannien kämpft mit steigenden Corona-Zahlen. Premierminister Boris Johnson muss frühere Empfehlungen korrigieren – doch er will nicht von einem Lockdown sprechen.

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          Nach einem steilen Anstieg der Corona-Infektionen wird der Alltag im Königreich weiter eingeschränkt. Premierminister Boris Johnson kündigte am Dienstag im Unterhaus an, dass Pubs, Bars und Restaurants von Donnerstag an um zehn Uhr Abends schließen müssen; es darf nur noch an Tischen serviert werden. Zu Hochzeitsfeiern sind nicht mehr als 15 Personen zugelassen, Mannschaftssport in Hallen wird untersagt. Auch die für Oktober in Aussicht gestellte Rückkehr zu öffentlichen Sportveranstaltungen findet nicht statt. Zudem wird die Maskenpflicht ausgeweitet. Gesichtsbedeckungen müssen fortan auch in Taxis und privat gemieteten Autos getragen werden. Restaurantgäste dürfen sie nur abnehmen, wenn sie sich zum Essen an den Tisch setzen.

          Jochen Buchsteiner

          Politischer Korrespondent in London.

          Im Falle von Zuwiderhandlungen werden Bußgelder erhoben oder die bestehenden erhöht. Die Polizei soll die Maßnahmen verstärkt kontrollieren und, wo Engpässe entstehen, von Soldaten unterstützt werden. Gleichzeitig forderte Johnson die Briten auf, wenn möglich, wieder von zu Hause zu arbeiten. In den vergangenen zwei Monaten hatte er die Bevölkerung ermutigt, wenn möglich, wieder zum Arbeitsplatz zurückzukehren.

          „Zeit, um zu handeln“

          Johnson sagte, das Land habe einen „gefährlichen Wendepunkt“ erreicht. „Dies ist die Zeit, um zu handeln“, wenn noch drakonischere Maßnahmen vermieden werden sollen. Er wies darauf hin, dass sich die Zahl der Neuinfektionen in den vergangenen vier Wochen von 1000 auf 4000 am Tag erhöht habe. Entwicklungen in Spanien und Frankreich zeigten, dass sich dies in mehr Krankenhauseinweisungen und höhere Todeszahlen übersetze. Die wissenschaftlichen Berater der Regierung hatten am Vortag gewarnt, dass das Königreich ohne einen Kurswechsel Mitte Oktober mit 50.000 Neuinfektionen pro Tag rechnen müsse. Dies würde von November an zu 200 Toten am Tag führen.

          Johnson sagte, die neuen Maßnahmen bedeuteten „in keiner Weise“ die Rückkehr zum Lockdown im Frühjahr, und hob hervor, dass diesmal Kindergärten und Schulen sowie Geschäfte und Büros geöffnet blieben. Man solle sich darauf einstellen, dass die neuen Regeln für sechs Monate gelten. Die Regierung würde die Maßnahmen aber überprüfen, sollten sich die Fakten ändern.

          Das Maßnahmenpaket wurde am Dienstag überwiegend als „ausbalanciert“ kommentiert. Keir Starmer, der Vorsitzende der Labour Party, unterstützte die neuen Auflagen, fragte aber nach neuen Hilfen für betroffene Betriebe und Mitarbeiter. Er wiederholte zudem die Kritik, dass Johnson es im Sommer versäumt habe, die Testkapazitäten auf ein ausreichendes Niveau zu bringen. Mit der Öffnung der Schulen hatte sich die Nachfrage zuletzt auf eine Million Tests am Tag erhöht – eine Entwicklung, die der Premierminister laut Starmer hätte absehen müssen. Auch der frühere konservative Gesundheitsminister Jeremy Hunt kritisierte das „Test and Trace“ System. Johnson verteidigte sich mit dem Argument, dass die Kapazitäten seit dem vergangenen März verhundertfacht worden seien. In keinem Land Europas würden so viele Tests angeboten wie in Großbritannien.

          In der Aussprache wurde auch Kritik am exekutiven Vorgehen der Regierung laut. Der Tory-Abgeordnete Greg Clark fragte Johnson, warum er die Auflagen ohne vorherige Debatte im Parlament verordnet habe. Einige Abgeordnete planen, die Regierung in der kommenden Woche zu zwingen, künftig das Parlament zu konsultieren, bevor weitgehende Einschränkungen der bürgerlichen Freiheiten geplant werden. Die Initiative wird auch von Mitgliedern des Oberhauses unterstützt.

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