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John McCain : Hymne auf Amerika

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John McCain Bild: AP

In seinen Memoiren erinnert sich der todkranke Senator John McCain an Meilensteine seines Lebens. Den Amerikanern legt er ans Herz, nicht in Nationalismus abzugleiten. Auch Donald Trump hat er was zu sagen.

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          John McCain will den Amerikanern mit seinen Memoiren etwas hinterlassen. Das Buch heißt „The Restless Wave: Good Times, Just Causes, Great Fights and Other Appreciations”, auf deutsch etwa: „Die unermüdliche Welle: Gute Zeiten, gerechte Sachen, große Kämpfe und andere Betrachtungen.“ Der 81 Jahre alte Senator, der an einem schweren Hirntumor leidet, schrieb es gemeinsam mit seinem ehemaligen Stabschef Mark Salter. Die beiden haben schon mehrere Bücher zusammen veröffentlicht. Die Memoiren sind vor allem eine Erzählung über das, was dem Senator aus Arizona wichtig ist und darüber, wie er sein Land sieht.

          Seinen Landsleuten gibt er zum Teil hymnische Erinnerungen an die positiven Seiten Amerikas mit auf den Weg – nach wie vor seien die Vereinigten Staaten der Hoffnungsbringer für den Rest der Welt. Die Ideale, für die Amerika stehe, seien die besten, um Frieden, Freiheit und Wohlstand zu sichern. An Pathos spart McCain dabei nicht: „Wir leben im Land der Freien, in dem Land, in dem alles möglich ist, in einem Land, das seine reiche Vergangenheit vergisst, weil es in die vorgestellte Zukunft eilt – ein Land, dass sich selbst repariert und neu erfindet. Wir sind gesegnet, und im Gegenzug sind wir zu einem Segen für die Menschheit geworden.“

          McCain ist einer der angesehensten Politiker in Amerika. Er hat den Spitznamen „Maverick“, weil er nicht davor zurückschreckt, gegen die Mehrheit seiner eigenen Partei zu agieren. Wie zuletzt, als er versuchte, Gina Haspel als neue Chefin der CIA zu verhindern. Es gelang ihm nicht, aber sein Appell, die Vergangenheit Haspels im Folterprogramm des Geheimdienstes unter Präsident George W. Bush nicht zu normalisieren, war dennoch wichtig für viele Amerikaner. In seinem Buch, das am Dienstag erscheint, geht er auch auf seine Gefangenschaft in Vietnam ein, während der er gefoltert wurde. „Diejenigen, die mich festhielten, hatten ihre Gefangenen im Großen und Ganzen humaner behandelt, als die amerikanischen Soldaten in Abu Ghraib ihre Gefangenen später behandeln sollten“, schreibt er und meint damit das Foltergefängnis, in dem amerikanische Soldaten während des letzten Irak-Krieges Menschenrechtsverletzungen begingen.

          Donald Trumps Regierung kritisiert McCain vor allem im Hinblick auf aktuelle Debatten, bleibt dabei aber häufig unspezifisch. Deutlich wird er beim Thema Einwanderung: „Die große Mehrheit der Immigranten ohne Papiere ist hergekommen, um Arbeit zu finden und ihre Familien zu ernähren, wie die meisten Einwanderer das in der Geschichte getan haben. Sie sind nicht die Vergewaltiger, Mörder und Drogendealer aus den fiebrigen Phantasien der Rechten.“ Die Rechten stünden „auf der falschen Seite der Geschichte“. Sie müssten innerhalb der republikanischen Partei konfrontiert und zurückgedrängt werden – noch seien sie in der Minderheit, aber sie könnten den Republikanern auf Jahrzehnte hinaus schaden, warnt McCain. Viele Urteile im Buch sind aber auch so unbestimmt, dass sich die Republikaner davon nicht angesprochen fühlen müssen. McCain schreibt etwa: „Die Verpflichtungen aus unserer internationalen Führungsrolle zu verweigern, im Interesse eines halbgaren, dubiosen Nationalismus, der von Leuten zusammengerührt wird, die lieber Sündenböcke finden als Probleme lösen wollen, ist unpatriotisch.“ Viele Politiker würden von einer „gedankenlosen Amerika-zuerst-Ideologie“ geleitet. Über Donald Trump urteilt McCain: „Härte, oder eine Parodie von Härte aus Reality Shows, scheint wichtiger zu sein als Werte es sind. Mit Schmeichelei sichert man sich seine Freundschaft, mit Kritik seine Feindschaft.“

          Im Mai erschien John McCains Buch „The Restless Wave“, in dem er über seine Erfahrungen im letzten Jahrzehnt schreibt.
          Im Mai erschien John McCains Buch „The Restless Wave“, in dem er über seine Erfahrungen im letzten Jahrzehnt schreibt. : Bild: AFP

          McCain verrät auch, was er selbst heute anders machen würde. So würde er Tea-Party-Vertreterin Sarah Palin nicht mehr zu seiner Kandidatin fürs Vizepräsidenten-Amt machen, sondern seinen Freund Joe Lieberman, der von einem Demokraten zu einem Unabhängigen wurde. Palin verlor 2008 gemeinsam mit McCain gegen Barack Obama. Dass er das Dossier des britischen Spions Christopher Steele über Donald Trumps vermeintliche Kontakte nach Russland an den damaligen FBI-Chef James Comey weiter gab, findet McCain heute noch richtig. Er habe es für seine patriotische Pflicht gehalten. Das Dossier wurde dem Senator von einem früheren Diplomaten zugespielt – es enthält viele unverifizierte Anschuldigungen über Trumps vermeintliche Verbindungen und Reisen nach Moskau. „Ich würde es wieder tun. Wem das nicht gefällt, der kann zur Hölle fahren“, so McCain. Auch mit dem russischen Präsidenten Wladimir Putin rechnet er ausführlich ab, bezeichnet ihn als Despoten und Amerikas Feind.

          Die Reaktionen auf das Buch reichen von wohlwollend bis verärgert. Die „New York Times“ betonte den hymnischen, patriotischen Grundton der Memoiren, der auf Kosten pointierterer Kritik an der gegenwärtigen politischen Situation gehe. McCain kritisiere die Trump-Regierung zwar durchaus, aber das könne man leicht überlesen: „Blinzeln Sie und Sie könnten es verpassen“, so die Zeitung. Unterstützer von Präsident Trump finden aber genug, über das sie sich ärgern können. Sie stört vor allem die Kritik an Trump und den Rechten – nicht zuletzt, weil sie wissen, wie hoch angesehen John McCain auch unter Konservativen ist.

          Corey Jones von der Organisation „New Right“, die die Trump-Agenda voranbringen will, sagte: „McCain kommt wie ein sehr verbitterter Mensch rüber. Statt die Vergangenheit ruhen zu lassen, hat er es zu seiner Mission gemacht, die Agenda des Präsidenten zu untergraben.“ Jones reihte sich auch in die Gruppe derjenigen ein, die dieser Tage wenig Respekt vor dem Todkranken zeigen. Er riet: „McCain sollte sich weniger darauf konzentrieren, wen er zu seiner Beerdigung einlädt, als darauf, sein beschädigtes Vermächtnis zu reparieren.“ Die Trump-Anhänger ärgert es besonders, dass McCains Kritik am Präsidenten immer wieder eins in Erinnerung bringt: dass Trump selbst vor einigen Jahren die militärische Vergangenheit des Senators und seine Gefangennahme in Vietnam in den Dreck zog. Auf einer Veranstaltung hatte Trump 2015 über McCain gesagt: „Er war ein Kriegsheld, weil er gefangen genommen wurde. Ich mag Leute, die nicht gefangen genommen wurden.“ Die Fans des Präsidenten wissen, dass das bei vielen Veteranen und Konservativen nicht gut ankommt.

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