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Jörg Haider : Trauer in Kärnten, Fragen in Wien

  • -Aktualisiert am

Bei einem Autounfall ums Leben gekommen: Jörg Haider Bild: AP

Im Dom zu Klagenfurt mussten zwei Gebetsgottesdienste angesetzt werden, um den Zustrom an Besuchern zu kanalisieren, die von Jörg Haider Abschied nehmen wollten. In Scharen pilgern Menschen an den Unfallort. Haider veränderte Österreichs Innenpolitik - über seinen Tod hinaus.

          Eine beschauliche Familienfeier sollte es werden. Jörg Haider hatte sich das Wochenende freigenommen, um den 90. Geburtstag seiner Mutter zu feiern. Sie war dafür ins Bärental gekommen, wo Haiders von einem Südtiroler Erbonkel vermachtes Forstwirtschaftsgut liegt. Erstmals seit 15 Jahren wollte sich die Großfamilie in einem Gasthaus in Köttmannsdorf am Samstag wiedersehen. Um fünf Uhr morgens überbrachte die Polizei dort der Familie die Todesnachricht.

          Während sich die Kärntner Landesregierung zu einer Trauersitzung traf, pilgern Menschen in Scharen an den Unfallort sowie vor das Landhaus in Klagenfurt. Sie stellen Kerzen auf, legen Blumen und Kränze nieder und tragen sich ins Kondolenzbuch ein. Für alle öffentlichen Gebäude wurde Trauerbeflaggung angeordnet. Am Sonntagmorgen mussten zwei Gebetsgottesdienste im Dom zu Klagenfurt angesetzt werden, um den Zustrom an Besuchern einigermaßen zu kanalisieren. „Landeshauptmann Jörg Haider hat mit Leidenschaft gelebt und mit Leidenschaft wahrgenommen, wie es den Menschen geht“, sagte beim eigentlichen Trauergottesdienst Alois Schwarz, Bischof der Diözese Gurk-Klagenfurt.

          Höhen und Tiefen des politischen Daseins

          Haider hatte in der Tat alle Höhen und Tiefen eines über drei Jahrzehnte währenden politischen Daseins erlebt. Kaum vier Prozent hatte die FPÖ auf Bundesebene, als Haider sie auf dem Innsbrucker Parteitag 1986 übernahm. Damit begann eine lange, bis dahin in Österreich ungekannte Erfolgsserie einer Partei mit großen Zugewinnen bei fast jeder Wahl – und entsprechenden Verlusten der in großer Koalition vereinten SPÖ und ÖVP. 1999 erreichte die FPÖ ihr „historisches Hoch“: Mit 26,9 Prozent wurde sie in der Nationalratswahl erstmals vor der ÖVP zweitstärkste Kraft. Die Zahl der Wähler hatte sich von knapp 250.000 im Jahr 1983 auf 1,2 Millionen fast verfünffacht.

          Trauer um Jörg Haider: In Klagenfurt gedenken die Menschen des verunglückten Landeshauptmanns

          Haider verzichtete auf eine eigene Beteiligung und führte, seit 1999 wieder Landeshauptmann in Kärnten, seine Partei Anfang 2000 ein weiteres Mal in die Bundesregierung. Aus ihr hatte sie 1986 SPÖ-Kanzler Vranitzky wegen der Übernahme des Vorsitzes durch den ihm suspekten Haider entfernt. Die ÖVP-FPÖ-Koalition, derentwegen 14 EU-Mitgliedstaaten „Sanktionen“ über Österreich verhängten, wurde zum Schlusspunkt der Haider-FPÖ: Ein Wahldebakel jagte das nächste, bei der – wegen der schweren FPÖ-internen Streitereien vorgezogenen – Nationalratswahl 2002 brach die FPÖ mit dem Rekordverlust von 16,9 Punkten auf zehn Prozent ein. Weitere Wahlschlappen in Ländern und Gemeinden folgten, und die Konflikte in der Partei wurden immer härter.

          Haider wollte Landeshauptmann bleiben

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