https://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/joe-biden-ueber-afghanistan-das-chaos-war-unvermeidbar-17492402.html

Joe Biden über Afghanistan : „Das Chaos war unvermeidbar“

  • -Aktualisiert am

Joe Biden am 18. August in Washington Bild: Reuters

Joe Biden hat in seinem ersten Interview seit dem Fall Kabuls Probleme bei der Evakuierung eingestanden und will den Einsatz notfalls verlängern. Ein Abzug ohne Chaos sei aber unmöglich gewesen.

          3 Min.

          Es hat einige Zeit gedauert. Nun legte sich Präsident Joe Biden fest. In einem Interview mit dem Sender ABC sagte er zunächst, man werde alles dafür tun, den 31. August als Abzugstermin einzuhalten. Dann fügte er mit Blick auf die chaotische Lage vor dem Flughafen der afghanischen Hauptstadt hinzu: Wenn dann in Kabul noch amerikanische Bürger seien, „werden wir bleiben, bis wir sie alle rausgeholt haben“.

          Majid Sattar
          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Biden äußerte in seinem ersten Interview seit dem Fall Kabuls, es gebe Probleme bei der Evakuierung. Zwar würden die Islamisten, die den Zugang zum Flughafen kontrollieren, „kooperieren“ und amerikanische Staatsbürger und Botschaftsmitarbeiter ausreisen lassen, sagte er. Mit Blick auf die früheren afghanischen Mitarbeiter der amerikanischen Streitkräfte und Behörden gebe es aber „ein bisschen mehr Schwierigkeiten“, sie herauszubekommen.

          Noch 10.000 bis 15.000 Amerikaner im Land

          Es wird geschätzt, dass sich noch 10.000 bis 15.000 Amerikaner im Land befinden. Biden sprach zudem von 50.000 bis 65.000 Helfern einschließlich ihrer Familien. Ausweichend antwortete er auf die Frage, ob man auch für diese den Einsatz notfalls verlängere. „Die Verpflichtung besteht darin, alle rauszuholen, die wir rausholen können, und alle, die rausgeholt werden sollten“, sagte er. Es hänge davon ab, ob es gelinge, 5000 bis 7000 Leute am Tag auszufliegen. Das Ziel heiße weiter, den Einsatz bis 31. August abzuschließen.

          Marines der 24th Marine Expeditionary Unit (MEU) am 17. August auf dem Weg zum Flughafen in Kabul
          Marines der 24th Marine Expeditionary Unit (MEU) am 17. August auf dem Weg zum Flughafen in Kabul : Bild: dpa

          Im Pentagon wurde man deutlicher. Dort wandten sich Verteidigungsminister Lloyd Austin und Mark Milley, der Vorsitzende der Vereinigten Stabschefs, erstmals seit der Machtübernahme der Taliban an die Öffentlichkeit. Es sei offensichtlich: „Wir sind, was die Zahlen anbelangt, nicht annähernd da, wo wir seien wollen“, sagte Austin. Nicht nur das anfängliche Schweigen Bidens, auch der Umstand, dass die politische Führung des Pentagon zu Beginn der Krise die Kommunikation den operativen Militärs zugewiesen hatte, sorgte für Kritik. Nun äußerte Austin: Es gebe Berichte darüber, dass die Taliban Leuten den Zugang zum Flughafen verweigert hätten. Man werde „alles tun, was in unserer Macht steht“, um die Lage zu entschärfen und dafür zu sorgen, dass die Menschen zum Flughafen durchgelassen werden. Er hob aber hervor, dass es den amerikanischen Streitkräften nicht möglich sei, den Einsatz auf Kabul auszuweiten. Bis Donnerstag hat das Pentagon nach eigenen Angaben nur 7000 Personen ausgeflogen.

          Milley sagte, der Flughafen werde – nach dem Chaos in Folge der Machtübernahme der Taliban – inzwischen wieder vom amerikanischen Militär kontrolliert. Der Befehlshaber des Einsatzes am Flughafen stehe regelmäßig in Kontakt mit jenem Taliban-Anführer, der die Umgebung kontrolliere. Das amerikanische Militär habe neben den derzeit 4500 Soldaten am Flughafen im Bedarfsfall auch Zugriff auf Kampfflugzeuge und Drohnen in der Region. In Kabul selbst gebe es zudem eine „bedeutende Zahl“ an Hubschraubern. Das war gleichsam Milleys Botschaft an die Taliban.

          „Kein Konsens innerhalb der Geheimdienste“

          Im Pentagon hofft man nun, den Einsatz nach dem anfänglichen Chaos einigermaßen geordnet zu Ende bringen zu können. Dann werde man sich mit der Fehleranalyse der Mission befassen. Biden hat fürs Erste die Losung ausgegeben, das Chaos sei unvermeidbar gewesen. Auf die Frage, ob die Regierung Fehler gemacht habe, sagte er in dem Interview: „Nein. Ich glaube nicht, dass wir es auf eine Weise managen konnten, ohne Chaos herauszukommen. Ich weiß nicht, wie das gehen soll.“

          Der Präsident äußerte sich auch zu der Frage, warum er trotz der Warnungen seiner Nachrichtendienste noch im Juli geäußert hatte, eine Machtübernahme durch die Taliban sei „hochgradig unwahrscheinlich“. Er erwiderte, es habe seinerzeit innerhalb der Geheimdienste „keinen Konsens“ gegeben. Damals habe es geheißen, eine Machtübernahme sei gegen Ende des Jahres wahrscheinlicher. Auch das Pentagon äußerte sich zu den Berichten, wonach die Regierung Warnungen der Dienste nicht beachtet habe. Milley sagte: „Es gab nichts, das ich gesehen habe, oder irgendjemand anders, das auf einen Zusammenbruch dieser Armee und dieser Regierung innerhalb von elf Tagen hingewiesen hätte“. Es habe mehrere Szenarien gegeben, darunter eine rasche Machtübernahme der Taliban nach einem Kollaps. „Aber der zeitliche Rahmen eines schnellen Zusammenbruchs wurde weithin auf Wochen, Monate oder sogar Jahre nach unserem Abzug eingeschätzt.“ Die afghanischen Sicherheitskräfte seien den Taliban mit Blick auf Truppenstärke, Ausbildung und Ausrüstung überlegen gewesen. Letztlich sei es eine Frage des „Willens und der Führung“ gewesen.

          Weitere Themen

          Wer protestiert, ist Terrorist

          Unruhen in Tadschikistan : Wer protestiert, ist Terrorist

          Es gab wohl Dutzende Tote: Im Osten Tadschikistans gehen die Menschen gegen Gesetzlosigkeit, Willkür und soziale Probleme auf die Straße. Das tadschikische Regime reagiert mit brutaler Gewalt.

          Topmeldungen

          US-Präsident Joe Biden am Montag mit den Ministerpräsidenten von Japan und Indien.

          Bidens Wirtschaftspakt : Eine Gefahr für den Freihandel

          Der amerikanische Präsident schmiedet einen Wirtschaftspakt im Indo-Pazifik. Die Chancen, dass seine Initiative Durchschlagskraft entwickeln wird, sind indes gering.
          Freude pur mit Plattenhardt (l.): Hertha BSC Berlin bleibt in der Bundesliga

          Bundesliga-Relegation : Plattenhardt rettet Hertha

          Der Berliner Linksverteidiger bereitet das 1:0 vor und erzielt den entscheidenden zweiten Treffer. Hertha bleibt in der Bundesliga, die Mission von Trainer Magath „ist jetzt beendet“. Der HSV muss in sein fünftes Zweitligajahr.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.
          Immobilienbewertung
          Verkaufen Sie zum Höchstpreis
          Sprachkurs
          Lernen Sie Englisch
          Kapitalanlage
          Pflegeimmobilien als Kapitalanlage
          Automarkt
          Top-Gebrauchtwagen mit Garantie