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Angeschlagener Joe Biden : Aus dem Tritt geraten

Demokrat und ehemaliger Vize-Präsident der Vereinigten Staaten: Joe Biden Bild: AFP

Die Empörung über Donald Trump in der Ukraine-Affäre ist groß, aber auch Joe Biden ist schwer beschädigt. Im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf wittern längst andere Kandidaten der Demokraten ihre Chance.

  • -Aktualisiert am
          3 Min.

          Wenngleich im Weißen Haus und unter Republikanern im Kapitol über die richtige Verteidigungsstrategie im Umgang mit der Ukraine-Affäre gestritten wird, hat Donald Trump eines durchaus erreicht: Joe Biden, der bislang führende Bewerber um die Präsidentschaftskandidatur der Demokraten in Amerika, ist schon jetzt beschädigt.

          Majid Sattar

          Politischer Korrespondent für Nordamerika mit Sitz in Washington.

          Die große Mehrheit der demokratischen Anhängerschaft hält den Versuch des Präsidenten, einen ausländischen Staatschef unter Druck zu setzen, gegen seinen möglichen Herausforderer zu ermitteln, für Amtsmissbrauch. Viele von ihnen halten aber auch Bidens Verhalten für bedenklich: Dass dieser sich als Vizepräsident für die Absetzung eines Generalstaatsanwalts einsetzte, der gegen das Unternehmen ermittelte, in dessen Vorstand der eigene Sohn saß, betrachten sie als Interessenkonflikt, selbst wenn das eine nichts mit dem anderen zu tun hatte.

          Biden-Mitarbeiter sichtlich nervös

          Offiziell ist aus dem Lager des früheren Vizepräsidenten zu hören, das Telefonat Trumps mit Wolodymyr Selenskyj zeige, dass der Präsident Angst vor Biden habe. Zudem werde die Vorbereitung des Amtsenthebungsverfahrens im Repräsentantenhaus das Duell der beiden in den Vordergrund stellen, wovon Biden nur profitieren könne. Doch hinter vorgehaltener Hand werden dessen Vertraute mit den Worten zitiert, sie seien durchaus beunruhigt. Es gibt erste Anzeichen dafür, dass die Sorgen berechtigt sind. Elizabeth Warren, die Senatorin aus Massachusetts, war in vielen Umfragen Biden schon vor Beginn der Affäre auf die Pelle gerückt und hatte den sozialistischen Senator Bernie Sanders überholt.

          Hinzu kam, dass die linke Kandidatin Biden beim Spendensammeln hinter sich ließ. Im dritten Quartal nahm sie zehn Millionen Dollar mehr ein als er. Das ist insofern bemerkenswert, als sie ihren Wahlkampf hauptsächlich aus Kleinspenden finanziert, wohingegen Biden vom linken Flügel der Demokraten als „Wall-Street-Kandidat“ dargestellt wird. Beide Trends – die Umfragen und das Spendenaufkommen – hatten schon vor Beginn der Affäre eingesetzt. Sie werden aber durch die jüngste Entwicklung verstärkt.

          In der vergangenen Woche wurden Mitarbeiter im Wahlkampfteam Bidens offenbar nervös. Als ihr Kandidat in die Defensive geriet, sollen sie Unterstützer gebeten haben, die Parteizentrale der Demokraten für ihr zurückhaltendes Auftreten in der Affäre zu kritisieren. Begründung: Die Parteizentrale der Republikaner schalte ihrerseits Anzeigen, in denen Biden persönlich angegriffen werde. Das „Democratic National Committee“ erwiderte: Man werde Trumps Verhalten weiterhin verurteilen, als neutrale Instanz in den Vorwahlen aber keine Anzeigen zur Verteidigung eines Kandidaten schalten.

          Einige Mitbewerber Bidens glauben nun, einen eleganten Weg gefunden zu haben, sich vom bisherigen Spitzenreiter zu distanzieren. Kamala Harris, Beto O’ Rourke und Amy Klobuchar äußerten, natürlich sei Trump das eigentliche Problem. Jedoch würden sie es als Präsident nicht zulassen, dass ein Kind ihres Vizepräsidenten oder eines Kabinettsmitglieds im Vorstand eines ausländischen Unternehmens säße. Biden geht seit einigen Tagen in die Offensive. Sichtlich erregt sagte er kürzlich: Es gebe keinerlei Anzeichen für einen Interessenkonflikt. Sodann: Man möge sich doch bitte auf den Präsidenten konzentrieren, der etwas getan habe, was noch nie ein Präsident getan habe.

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          Bidens Wahlkampf ist durch die Ukraine-Affäre erkennbar aus dem Tritt geraten, obwohl er darauf vorbereitet war, dass das Leben seines Sohnes Hunter irgendwann vom politischen Gegner thematisiert würde. Der 49 Jahre alte Anwalt musste in seinem Leben schon viele Krisen durchstehen: Alkoholsucht, Drogenmissbrauch, Rückfälle, eine Scheidung, die Schlagzeilen machte, eine kurzzeitige Beziehung mit der Witwe seines Bruders Beau und berufliche Mandate, bei denen zumindest der Anschein bestand, er profitiere von der Position seines Vaters. Stets stand im Raum, dass seine persönlichen Probleme dessen Karriere schaden könnten.

          „Fuck you, Mr. President. Hier bin ich und lebe mein Leben“

          Im Sommer versuchte man, möglichen Angriffen zuvorzukommen. Hunter vertraute sich einem Journalisten des „New Yorker“ an, der eine lange Geschichte schrieb, die mit einem Zitat des Sohnes endete: „Fuck you, Mr. President. Hier bin ich und lebe mein Leben.“ Vater Biden konnte nicht geglaubt haben, dass mit diesem Artikel alles überstanden sei. Dass Hunters Angriffsfläche nun möglicherweise ein Impeachment gegen Trump auslöst, konnte erst recht keiner ahnen.

          Auch andere Ereignisse beeinflussen derzeit Bidens Kampagne. In der vergangenen Woche erlitt Sanders einen Herzinfarkt. Der 78 Jahre alte Kandidat zog sich zur Erholung ins heimische Burlington nach Vermont zurück. Er bekundet den Willen, im Rennen zu bleiben. Natürlich bestehen daran Zweifel. Sollte er frühzeitig ausscheiden, begönne nicht nur aufs Neue eine Debatte über das hohe Alter vieler Kandidaten, die vor allem den 76 Jahre alten Biden träfe. Die sechs Jahre jüngere Warren ist bisher nämlich nicht durch Konzentrationsmängel aufgefallen. Sie könnte sich zudem Hoffnung machen, dass viele der studentischen Anhänger Sanders’ in ihr Lager wechselten. Biden wiederum dürfte darauf setzen, dass ein Teil der Industriearbeiter, die Sanders unterstützen, bei ihm landen.

          Es ist immer noch viel zu früh, Vorhersagen über den Ausgang der Vorwahlen zu machen. Sollte indes der Trend für Warren anhalten und sich die linke Kandidatin durchsetzen, wäre die politische Mitte Amerikas unbesetzt. Bevor Biden im April dieses Jahres seine offizielle Bewerbung verkündete, hatten mehrere potentielle Kandidaten ihren Verzicht erklärt: John Kerry und Michael Bloomberg, die das Potential gehabt hätten, moderate Republikaner und Unabhängige zu binden, und Sherrod Brown, der die Moderaten ebenfalls angesprochen hätte, aber – anders als Kerry und Bloomberg – auch den kleinen Mann in Amerikas Rostgürtel. Sie ließen Biden den Vortritt, weil sie ihm die besten Chancen zugestanden, Trump zu schlagen. Mag sein, dass sich diese Entscheidung als verfrüht erweist.

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