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Kandahar und Herat gefallen : Biden hat Afghanistan den Taliban ausgeliefert

Es geht nur noch um die Rettung der eigenen Leute: Biden am 12. August in seiner Heimatstadt Wilmington Bild: Reuters

Panik in Washington: Wenigstens das eigene Personal soll Afghanistan sicher verlassen können, bevor die Islamisten auch Kabul kontrollieren. Die Vietnam-Vergleiche muss Amerikas Präsident aushalten.

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          Die Taliban unterwerfen derart schnell immer mehr Provinzen und Großstädte, dass alle Prognosen und Einschätzungen, wie es in Afghanistan weitergeht und wann die Radikalislamisten denn die Hauptstadt Kabul unter ihre Kontrolle gebracht haben würden, über den Haufen geworfen werden müssen. Jetzt ist, was Kabul anbelangt, nur noch von dreißig Tagen die Rede.

          Auf dieser Grundlage, die aber auch in wenigen Tagen schon überholt sein kann, hat der amerikanische Präsident die Entsendung einiger tausend Soldaten nach Kabul (und darüber hinaus in die Golfregion) angeordnet: nicht etwa um den Vormarsch der Taliban militärisch zu stoppen, sondern um die Ausreise amerikanischer Diplomaten und anderer amerikanischer Staatsbürger zu sichern. Das ist eine Reaktion, aus der höchste Panik spricht und die abermals die Abzugsentscheidung vom Frühjahr als übereilt erscheinen lässt.

          Biden hat Afghanistan den Taliban auf dem Präsentierteller ausgeliefert. Wer dieses Urteil für zu hart hält, wird mindestens zugeben müssen, dass der Abzug westlicher Soldaten die Rückkehr der Taliban an die Macht beschleunigt hat. Die innenpolitische Debatte in den Vereinigten Staaten („Wer hat Afghanistan verloren?“) nimmt bereits Fahrt auf.

          Geld, Mühe, Blutzoll – alles für die Katz

          Ins Auge fällt, wie schnell die afghanische Armee vor den anstürmenden Taliban zusammenbricht, von einigen Ausnahmen abgesehen. Das viele Geld und die große Mühe, vom Blutzoll zu schweigen, die westliche Partnerländer in die Ausbildung der Armee gesteckt haben, scheinen für die Katz gewesen zu sein. Die Soldaten fliehen, ihre Moral ist miserabel.

          Auch darin kann man eine Ähnlichkeit zum traurigen, desaströsen und demütigenden Ende des Vietnamkriegs sehen: Die Vereinigten Staaten hatten sich zurückgezogen, den Krieg vietnamisiert, nachdem Kissinger ein sogenanntes Friedensabkommen mit Nordvietnam ausgehandelt hatte. Es war nicht viel wert. Der Süden brach zusammen, die Kommunisten übernahmen die Herrschaft – das Bild des Hubschrauber auf dem Dach der amerikanischen Botschaft in Saigon, in die verzweifelte Menschen zu gelangen suchten, ist das, was vom Ende des Kriegs zurückbleibt: Zehntausende Amerikaner gefallen, Amerika selbst zutiefst gespalten, das Ansehen ruiniert, Hunderttausende, ja Millionen Vietnamesen tot, das Land verwüstet.

          Präsident Biden wird dieser Tage oft an Vietnam erinnert. Er weist den Vergleich zurück. Doch auch die Entsendung von Soldaten zur Absicherung der überstürzten Ausreise verrät einzig und allein, dass man Afghanistan aufgegeben hat.

          Im Zentrum weht die Flagge der Taliban: Foto aus der Provinzhauptstadt Pul-e-Khumir am 11. August
          Im Zentrum weht die Flagge der Taliban: Foto aus der Provinzhauptstadt Pul-e-Khumir am 11. August : Bild: AFP

          Friedensgespräche in Doha? Ein Witz und allenfalls ein willkommener Vorwand für die Taliban, den Eindruck zu erwecken, sie seien nur an Teilhabe an der Macht interessiert. Ein Irrtum: Sie wollen die ganze Macht. Und wer kann eigentlich mit Verlässlichkeit sagen, dass nicht auch die alte Verbindung mit Al Qaida wiederauflebt?

          Der 20. Jahrestag von „9/11“ in knapp einem Monat wird auch aus ganz aktuellem Anlass ein trauriger Tag.

          Klaus-Dieter Frankenberger
          Redakteur in der Politik.

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