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Joachim Gauck in Polen : Pilger zur Freiheit

Joachim Gauck besucht in Lodz den „Park der Überlebenden“ - die Gedenkstätte erinnert an die Greuel, die Deutsche während des Zweiten Weltkriegs in der Stadt angerichtet hatten Bild: dpa

Joachim Gauck hat am Donnerstag in der polnischen Industriestadt Lodz eine Rede gehalten. Er sprach über den polnischen Freiheitswillen und das „Wir“ aus Ostdeutschen und Polen.

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          Bundespräsidenten, so hat der polnische Deutschlandkenner Adam Krzeminski neulich geschrieben, seien im hochneurotischen deutsch-polnischen Verhältnis immer eine Art Therapeuten gewesen. Noch vor fünf Jahren, als auf der polnischen Seite die nationalkonservativen Brüder Kaczynski das Bild prägten, und auf der deutschen Seite die Vertriebenen-Organisation „Preußische Treuhand“ ihr Unwesen trieb, war dabei soviel zu tun, dass Richard von Weizsäcker aus dem Ruhestand geholt werden musste, um dem damaligen Präsidenten Lech Kaczynski die Seele zu massieren. Bundespräsident Horst Köhler legte sich sogar einen polnischen Fan-Schal um, als er sich mit Kaczynski bei einem Handballspiel traf.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Mittlerweile sind die handelnden Personen andere: Kaczynski ist bei dem Flugzeugunglück von Smolensk vor zwei Jahren ums Leben gekommen, und an seine Stelle ist der freundliche Bronislaw Komorowski getreten. In Deutschland dagegen blickt heute jeder auf den Mann, der sich selbst noch als den „Bürger Joachim Gauck“ bezeichnet.

          „Elementare Beziehung zur Freiheit“

          Am Donnerstag trat Gauck in der polnischen Industriestadt Lodz auf. Er hielt in dem aus futuristischen Glaszylindern zusammengesetzten Gebäude der juristischen Fakultät einen Vortrag, zu dem er schon eingeladen worden war, bevor er zum Präsidentschaftskandidaten wurde. Auf dieser ins Morgenlicht künftiger Ämter getauchten Polenreise ist Gauck in einem anderen Charakterbild erschienen als die Therapeuten-Präsidenten vor ihm. In seinem Vortrag, der - wie nicht anders zu erwarten - von der Freiheit handelte, hat er seinen Besuch nicht als Patientenvisite beschrieben: Alle seine Reisen über die Oder, so gestand er, seien „Pilgerreisen“ gewesen - Pilgerreisen zur Freiheit.

          Gauck nannte als Ziele seiner Wallfahrten vor allem Orte, die für jene „elementare Beziehung zur Freiheit“ stünden, welche den polnischen Charakter präge und „uns Deutschen so nicht eigen ist.“ Er nannte das Museum des Warschauer Aufstands, Sinnbild für den beispiellosen Widerstand der Polen gegen die deutsche Besatzung im Zweiten Weltkrieg, er nannte die Danziger Lenin-Werft, wo 1980 die antikommunistische Gewerkschaft Solidarność entstand, er nannte das Grab des Priesters Jerzy Popieluszko in Warschau, der 1984 von kommunistischen Schergen ermordet wurde, und den die katholische Kirche mittlerweile als Seligen verehrt.

          „Unbedingtheit“ des polnischen Freiheitswillens“

          Wie bei jedem Pilger ist dabei zur Verehrung ein wenig Furcht gekommen. Gauck berief sich auf Schiller, um zu erklären wie es manchen Deutschen zumute sei, wenn sie der „Unbedingtheit“ des polnischen Freiheitswillens begegneten, jener Haltung, die den „Aufständischen“ mehr liebt, als den „Untertan“, die „Freiheit“ mehr als die „Sicherheit“: Die Befreiung, das sei aus deutscher Dichtersicht doch immer auch jener fatale Augenblick, wo im Aufruhr alles untergehe, und wo in der Ballade von der „Glocke“ die „Weiber zu Hyänen“ werden. In Polen dagegen habe schon der Staatsgründer Pilsudski gesagt, man könne zwar nicht mit dem Kopf durch die Wand, aber wenn nichts anderes funktioniere, solle man es trotzdem versuchen.

          Selbst freiheitsliebende Menschen wie die ostdeutschen Bürgerrechtler, so erinnerte sich Gauck, hätten diese Haltung manchmal „rührend naiv“ gefunden, oder sich gelinde davor gegraust. In Lodz bekannte Gauck: „Und wenn ich ehrlich bin, macht mir diese bedingungslose Liebe, die bereit ist, das Leben hinzugeben, auch Angst.“

          Der deutsche Präsidentschaftskandidat wird begrüßt von Wladyslaw Bartoszewski, dem außenpolitischen Berater des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk. Bartoszewski hatte einst Widerstand gegen das Nazi-Regime geleistet. Im Jahr 1940 war er ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und dort im April 1941schwer krank entlassen worden.
          Der deutsche Präsidentschaftskandidat wird begrüßt von Wladyslaw Bartoszewski, dem außenpolitischen Berater des polnischen Ministerpräsidenten Donald Tusk. Bartoszewski hatte einst Widerstand gegen das Nazi-Regime geleistet. Im Jahr 1940 war er ins Konzentrationslager Auschwitz verschleppt und dort im April 1941schwer krank entlassen worden. : Bild: Reuters

          Mit der Betonung dieses Unterschieds setzte Gauck zwar einerseits Deutsche und Polen in Gegensatz zueinander, hob das „Wir“ am linken Oderufer von dem auf der rechten Seite abgehoben. Anderseits aber hat er in Lodz immer wieder auch eine Kategorie des „Wir“ gefunden, die den Osten Deutschlands mit Polen verbindet: „Wir in den unterdrückten Ländern“, oder „die Menschen in den mitteleuropäischen Ländern“.

          Am Schluss vermachte er den Polen sogar Schiller: „Und setzet ihr nicht das Leben ein, nie wird euch das Leben gewonnen sein“ dieses Zitat aus Schillers Drama „Wallensteins Lager“, so Gaucks Schluss, sei das eigentliche „Zeugnis“ der polnischen Nation.

          Die Gastgeber hatten ihm die Gabe schon vorab vergolten. Polen hat den Pastor aus Rostock seit seiner Nominierung längst in die Reihen jener Politiker aus dem Widerstand gegen die kommunistische Diktatur aufgenommen, auf die es selbst so stolz ist. Die Zeitschrift „Wprost“ scheute sich nicht einmal, den protestantischen Pastor einen „ostdeutschen Popieluszko“ zu nennen. Und der liberal-katholische „Tygodnik Powszechny“, einst das Flaggschiff der polnischen Oppositionspresse schrieb: Wenn Gauck damals in Polen gelebt hätte, so hätte er ohne Zweifel für den „Tygodnik“ geschrieben.

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