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Im Alter von 96 Jahren : Chinas früherer Staatschef Jiang Zemin gestorben

  • -Aktualisiert am

Chinas früherer Präsident Jiang Zemin im Mai 2001 in Hongkong Bild: Reuters

Unter dem früheren Staats- und Parteichef Jiang erlebte China einen rasanten wirtschaftlichen Aufstieg und die Verfolgung der Falun-Gong-Bewegung. Sein Tod kommt in einer politisch sensiblen Zeit.

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          Nachdem die Staatsmedien am Mittwoch den Tod des früheren Staats- und Parteichefs Jiang Zemin verkündet hatten, machte noch einmal jenes denkwürdige Interview die Runde, dass Jiang im Jahr 2000 dem amerikanischen Nachrichtenmagazin 60 Minutes gegeben hatte. Dafür hatte er dem Journalisten Mike Wallace Zugang zum streng bewachten Sommersitz der chinesischen Führung in Beidaihe gewährt. Sichtlich entspannt beantwortete der chinesische Führer die Frage, ob er ein Diktator sei und ob er jenen Mann bewundere, der sich am 4. Juni 1989 auf dem Tiananmen-Platz einem Panzer der Volksbefreiungsarmee in den Weg gestellt hatte. Vor laufender Kamera sang Jiang ein Widerstandslied und lachte mehrfach herzlich auf.  

          Friederike Böge
          Politische Korrespondentin für China, Nordkorea und die Mongolei.

          Das Video wird heute in China als Kommentar und Vergleich zu den aktuellen Verhältnissen verbreitet. Der derzeitige Parteichef Xi Jinping hat noch nie einem ausländischen Medium ein Interview gegeben. Seine öffentlichen Auftritte sind Jubelveranstaltungen. Diese Gegenüberstellung prägte auch am Todestag die Sicht der chinesischen Jugend auf Jiang Zemin, der 96 Jahre alt wurde. Seit Jahren kursieren Videoclips mit seinen Gesangseinlagen und Anflügen von Jähzorn im Internet als Memes, die daran erinnern, dass China vor zwanzig Jahren ein anderes Land war. Kulturschaffende erinnerten nun daran, dass Jiang seinen Genossen in der Parteizentrale den amerikanischen Blockbuster „Titanic“ vorspielen ließ.

          Repressionen im Inneren, Wiederanschluss nach außen

          Freilich verklären sie damit die Vergangenheit. Auch unter Jiang gab es Repression in China. Er war es, der Hunderttausende Anhänger der Falun-Gong-Bewegung in Arbeits- und Umerziehungslager stecken ließ. Bis dahin hatten sich rund 70 Millionen Chinesen dem selbst ernannten Meister Li Hongzhi angeschlossen und auf öffentlichen Plätzen gemeinsam meditiert. Spätestens als sich 1999 rund 10.000 Anhänger zu einer Demonstration vor dem Sitz der Staats- und Parteiführung in Peking versammelten, sah Jiang die Gruppierung als Gefahr für seine Macht. Seit ihrer Verfolgung hat Falun Gong sich im Exil zu einem gut vernetzten und erbitterten Gegner der Kommunistischen Partei entwickelt. Die Gruppe verfügt über eigene Fernsehsender und Webseiten. 

          Jiang führte die Partei als Generalsekretär von 1989 bis 2002 und das Land als Staatschef von 1993 bis 2003. In dieser Zeit kehrte China zu seiner Reform- und Öffnungspolitik zurück und suchte den Wiederanschluss an die internationale Gemeinschaft, nachdem die blutige Niederschlagung der Demokratiebewegung von 1989 das Land isoliert hatte. Jiangs Interview mit dem Sender CBS war Teil der Bemühungen um ein besseres Verhältnis zu Amerika. 1997 traf er Präsident Bill Clinton in Washington. Selbst nach der Bombardierung der chinesischen Botschaft in Belgrad durch die amerikanische Luftwaffe 1999 ging Jiang auffällig schnell zur Tagesordnung über.

          Politisch konservativ

          Der 1926 in der ostchinesischen Provinz Jiangsu geborene Funktionär hatte als Kind eine christliche Missionsschule besucht und später an der renommierten Jiaotong-Universität in Schanghai Ingenieurwissenschaften studiert. 1955 verbrachte er ein Jahr als Praktikant in der Sowjetunion.  Nach der Kulturrevolution wurde er 1982 in das Zentralkomitee der Partei aufgenommen. 

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