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Jewgenija Timoschenko : Politikerin wider Willen

Es hilft nichts sich klein zu machen. Schließlich ist sie eine Timoschenko. Bild: REUTERS

Jewgenija Timoschenko nennt ihre Mutter nicht „Mama“, sondern „Julija“. Doch will sie nur die Tochter sein, die der Mutter hilft. Das sagt sie immer wieder. Dabei ist sie schon längst viel mehr. So ist das in dieser Familie. Schon immer mussten alle an die Front. Und Jewgenija ist als Einzige noch übrig.

          5 Min.

          Jewgenija Timoschenko hat die Arme um den Körper gelegt, als wäre es bitterkalt im Büro der Frau, die auch sie nicht "Mama" nennt, sondern nur "Julija", wie es alle in der Ukraine tun. Wenn die 31 Jahre alte Tochter auf einem der weißen Sofas sitzt, auf denen ihre Mutter vor der Verhaftung im Sommer noch ihre Gäste empfing, weisen die Schultern nach innen, die Hände verschwinden zwischen den Beinen. Der Blick sucht Halt an der Tischplatte.

          Konrad Schuller

          Politischer Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          "Ich bin keine Politikerin", sagt sie. Ihre Mutter, die ukrainische Oppositionsführerin Julija Timoschenko, mit ihrem goldenen Haarkranz die Ikone der demokratischen "Revolution in Orange" von 2004, ist im Gefängnis, seit Viktor Janukowitsch wieder an der Macht ist - der Mann, den sie damals stürzte. Im Oktober hat die gesteuerte ukrainische Justiz die Revolutionsführerin und spätere Ministerpräsidentin nach einem international scharf kritisierten Prozess wegen "Amtsmissbrauchs" zu sieben Jahren Haft verurteilt.

          Sie sitzt in der Strafkolonie Nummer 54, weit im Osten des Landes, und nun ist ihre Gesundheit offenbar schwer angeschlagen. Seither sind ihre Tochter und ihr Anwalt Sergej Wlasenko die Einzigen, die sie besuchen dürfen. Weil im Gefängnis Internet und Telefon verboten sind, sind Tochter und Anwalt ihre einzigen verlässlichen Informationsquellen und ihre einzigen Mittler nach draußen.

          „Ich bin nur eine Frau, die für ihre Mutter kämpft“

          Weiter hinten stehen der Schreibtisch der Mutter und ihr elfenbeinfarbener Chefsessel, und dann ist da ein Sims mit drei metallenen Figürchen: eine Justitia mit Waage und Schwert, ein Sankt Michael zu Pferd samt Drachen und Lanze und eine heilige Johanna mit Harnisch und Speer. Die Tochter will dort nicht sitzen, nicht für den Fotografen und auch sonst nicht. "Es gibt nur eine Julija Timoschenko", hat sie einmal geschrieben, und bis heute will sie um nichts in der Welt in ihre Spuren treten. Sie hat es schon oft gesagt, und sie sagt es auch jetzt: "Ich mache keine Politik. Ich bin nur eine Frau, die für ihre Mutter kämpft."

          An der Seite der Mutter vor Gericht: Jewgenija interpretierte auch diese Rolle als apolitisch.

          Jewgenija hat immer wieder versucht, sich von der Welt des Gases, des Geldes und der Macht, in der ihre Mutter seit Jahrzehnten eine glitzernde Hauptrolle spielt, nicht verschlingen zu lassen. Das war nicht immer leicht, denn die Mutter war von Anfang an fordernd. Schon als Kind, in sozialistischer Zeit, in Dnipropetrowsk, als "Julija" gerade ihren Mann Aleksander geheiratet hatte, eine gute Partie aus einer führenden Familie des sowjetischen Partei-Establishments, musste Jewgenija spuren.

          Englisch, Klavierunterricht, Schwimmen, Mathe - nie war die Mutter mit weniger zufrieden als mit der Höchstleistung. In den wilden Jahren der Wende, als die Tochter vierzehn war und die Mutter im Gasgeschäft zur Multimillionärin aufstieg, kam Jewgenija im Stile der postsowjetischen Geldaristokratie auf ein exklusives englisches Internat. Danach ging sie zum Studieren an die elitäre "London School of Economics".

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