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Jewgenija Timoschenko : Politikerin wider Willen

2005: Jewgenijas Hochzeit mit Sean Carr wurde zum PR-Erfolg der Mutter, die einfach ihre Haare löste

Heute aber sieht es aus, als habe der "private" Kampf der Tochter seine Möglichkeiten erschöpft. Julija Timoschenko ist gerade für sieben Jahre in die Strafkolonie verlegt worden, und Jewgenija bleibt nichts anderes übrig als der Weg in jene Sturmtiefs der Politik, die sie immer meiden wollte. Ihre erste Rede vor politischem Publikum hat sie Anfang Oktober vor der Europäischen Volkspartei gehalten. Seither sind zahllose Auftritte hinzugekommen: Straßburg, Brüssel, Marseille, Berlin. Ihr Interview-Pensum ist gewaltig. Das Mädchen der frühen Tage, das Kind, das nichts anderes tut, als der "darling little mum" beizustehen, wie sie es einmal ausgedrückt hat, ist längst von der Bühne gegangen. Dafür ist eine andere Figur in den Vordergrund getreten: die politische Kämpferin wider Willen.

Es muss sein. "Julijas" Partei, die "Batkiwschtschina" (Vaterland), ist heute das wichtigste Instrument des Kampfes für die Freiheit der Mutter. Wie alle ukrainischen Parteien ist sie strikt auf die Führerpersönlichkeit ausgerichtet, aber seit die Vorsitzende im Gefängnis sitzt, steht sie ohne Orientierung da. Timoschenkos Stellvertreter Turtschinow ist zwar ein tüchtiger Organisator, aber ihm fehlt die eigene Autorität. Weil ihm "Julijas" Charisma abgeht, fällt es ihm schwer, die Reihen geschlossen zu halten, und weil Timoschenko vom Gefängnis aus kaum Kontakt zu ihm halten kann, haben böse Zungen leichtes Spiel, ihm zu unterstellen, er handle eigenmächtig oder er paktiere mit dem Gegner.

Politisch unentbehrlich

In dieser Lage ist Jewgenija Timoschenko politisch unentbehrlich geworden. Selbst wenn sie die Partei ihrer Mutter nicht als Spitzenkandidatin in die Parlamentswahl Ende dieses Jahres führen sollte, wie manche das schon längst fordern, kann die Partei nicht ohne sie. Sie allein kann kraft ihres exklusiven Zugangs zur Mutter deren Statthaltern jenes "Echtheitszertifikat" ausstellen, das sie brauchen, um zu überzeugen. Sie muss dafür nicht einmal viel tun. Es reicht, dass sie sich mit ihnen zeigt.

Da hilft es nicht, dass sie nicht will. Da hilft es nicht, dass sie nicht aus dem gleichen Holz ist wie ihre Mutter - zwar hübsch, aber nicht glamourös, zwar klug, aber leise und ein wenig schleppend im Ton. Es hilft auch nichts, sich klein zu machen. Wenn "Julija" rief, mussten in dieser Familie schon immer alle an die Front - der Vater genau wie der Großvater, und als Jewgenija 2005 Sean Carr heiratete, wurde sogar dieses Ereignis zum PR-Erfolg der Mutter, die - eine seltene Sensation - zur Hochzeit die Haare löste. "Mama, ich weiß, du bist ein starker Mensch", hat Jewgenija der Mutter ins Gefängnis geschrieben. "Wahrscheinlich viel stärker als Papa, Oma und ich zusammen." Mittlerweile ist nur noch sie übrig. Die Oma ist alt, der Vater ist ins Ausland geflüchtet, als Janukowitschs Staatsanwälte auch ihn zu bedrängen begannen. Sean Carr lässt sich nicht blicken, seinen Ring hat sie abgelegt.

Früher ist sie der Politik aus dem Weg gegangen, aber dann ist die Politik zu ihr gekommen, sie musste nolens volens zur öffentlichen Gestalt werden. Im Dezember hat sie das amtlich beglaubigen lassen. In ihrem Pass steht seither nicht mehr "Jewgenia Carr", sondern ihr alter Mädchenname, der Kampfname Timoschenko.

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