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Jewgenija Timoschenko : Politikerin wider Willen

Distanz zur Mentalität der postsowjetischen Geldeliten

Damals hat Jewgenija Timoschenko vielleicht tatsächlich zu jener großen politischen Bühne, auf der ihre Mutter brilliert, die Distanz gehabt, die sie sich wünscht. Dass die Eltern sie aufs Internat schickten, war zwar zunächst ein "Schock", aber später dann, an der Universität in London, schien es ihr plausibel, dass sie hier, im Westen, den Schauplatz ihres Lebens finden würde. Dass sie jemals in die Ukraine zurückkehren würde, hätte sie damals sehr unwahrscheinlich gefunden. England gefiel ihr, und es spricht für ihre Distanz zur Mentalität der neuen postsowjetischen Geldeliten, dass sie später nicht einen Oligarchensohn mit Bentley und Rolex geheiratet hat, sondern Sean Carr, einen tätowierten Rockmusiker aus Nordengland.

Heute legt sie Wert darauf, dass auch ihre Rückkehr in die Ukraine - es war um die Jahre 2003 und 2004 - vor allem private Gründe hatte. Ihre Mutter, damals an der Spitze der Opposition gegen den autoritären Präsidenten Kutschma und seinen Ministerpräsidenten Janukowitsch, den heutigen Präsidenten, war gerade ebenso wie ihr Vater vorübergehend ins Gefängnis gekommen, der Großvater hatte vor Gericht einen Herzinfarkt erlitten. "Ich wusste damals, dass mein Platz bei meiner Familie ist", sagt sie heute.

Von der Politik hielt sie sich dennoch fast vollständig fern. Als dann im Schnee des Winters 2004 die demokratische Revolution ihren kurzen Triumph feierte, stand sie zwar wie hunderttausend andere Bürger am Kiewer Unabhängigkeitsplatz, während der blondierte Haarkranz der Mutter von den Monitoren glänzte, aber ansonsten kümmerte sie sich vor allem um ihre Laufbahn als Kleinunternehmerin: ein Restaurant in Kiew, eines in Dnipropetrowsk. 2006 ist sie zwar schon einmal zusammen mit den "Death Valley Screamers", der Band ihres Mannes, in der Provinz auf Wahlkampftour gegangen. Die Mütterchen in den Dörfern bekreuzigten sich beim Anblick des tätowierten Sean, die Jugend jubelte. Doch obwohl die Tour also ein gewaltiger Spaß war, blieb das politische Engagement nur Episode.

Prozess als eine Art Wagner-Oper

Erst als die ukrainische Justiz im vergangenen Jahr begann, die demokratische Opposition in die Strafkolonien zu schicken, ist Jewgenija Timoschenko öffentlich an die Seite ihrer verhafteten Mutter getreten. Doch auch diese Rolle vor Gericht als Verteidigerin interpretierte sie apolitisch. Während "Julija" mit flammenden Deklarationen von der Anklagebank den Prozess in eine Art Wagner-Oper verwandelte, blieb Jewgenija einfach nur das Kind. Zusammen mit ihrem Vater, der während des Prozesses zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder an der Seite seiner Frau erschien, saß sie neben der Mutter und berührte nur manchmal ihre Schulter. Ab und zu tuschelten die Frauen, ab und zu kicherten sie miteinander, ganz so, als gäbe es keine Kameras und Staatsanwälte um sie herum.

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