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Israel-Kommentar : Vermiedene Eskalation

Metalldetektoren am Tempelberg: Nach massiven Protesten lenkte die israelische Regierung ein und erklärte sich bereit die Detektoren wieder abzubauen. Bild: dpa

Weder Israels Ministerpräsident noch der Palästinenserpräsident oder der jordanische König haben Interesse an einem Krieg. Doch alle drei stehen ihrem eigenen wütenden Volk gegenüber.

          Palästinenser schmuggeln Waffen auf den Tempelberg und töten damit israelische Polizisten am Eingang zum heiligen Plateau. Die Reaktion der israelischen Regierung schien vernünftig zu sein: Sie installierte Metalldetektoren an den Zugängen zum Tempelberg. Es kam zu Massenprotesten und gewaltsamen Auseinandersetzungen – zu beklagen sind ein Dutzend Tote und Hunderte Verletzte. Zudem kam es zu einer diplomatischen Krise zwischen Israel, Jordanien und der Palästinensischen Autonomiebehörde. Schließlich lenkte Israel ein. Die Detektoren werden wieder abgebaut. Am Status quo wird sich vermutlich nichts ändern. Und: Es gibt keinen Krieg.

          Weder Ministerpräsident Netanjahu noch Palästinenserpräsident Abbas noch der jordanische König als Hüter der heiligen muslimischen Stätten in Jerusalem hatten ein Interesse an der Eskalation. Netanjahu braucht Abbas, um das Westjordanland ruhig zu halten; der im eigenen Volk unbeliebte Abbas braucht Israel, um zu überleben, im politischen wie im Wortsinne. Jordanien ist Israels engster Verbündeter im Nahen Osten. König Abdullah bezieht Waffen und Wasser aus Israel und hält dafür die Grenzen ruhig und den Terror klein. Doch alle drei standen ihrem eigenen wütenden Volk gegenüber, mehr noch: Auch Kräfte in der eigenen Führung wollten eine Eskalation.

          Der Tempelberg ist einer der sensibelsten Orte der Welt, er ist Muslimen wie Juden heilig. Schnell hatte Netanjahu versichert, dass sich durch das Aufstellen der Detektoren an den Verwaltungsvereinbarungen auf dem Plateau nichts ändere. Doch das sahen die – sturen – muslimischen Autoritäten anders. Für sie waren die Detektoren eine Machtfrage, ein weiteres Element der Besatzung, ein weiterer Kontrollpunkt unmittelbar vor der Al-Aqsa-Moschee. Die Detektoren wurden als Demonstration jüdischer Souveränität auf heiligem Boden, als Provokation und Kollektivstrafe für die Tat Einzelner wahrgenommen. Palästinenser fürchteten, Israel werde die neue Kontrollmöglichkeit nutzen, um immer weniger Muslimen den Zutritt zur Moschee zu gestatten und das Areal zu „judaisieren“.

          Netanjahu fehlen die Verbündeten

          Netanjahu hatte die Imame nicht konsultiert, auch nicht auf die Warnungen seiner Armeeführung und der Geheimdienste gehört. Vielmehr hörte er auf die Jerusalemer Polizei, seinen Sicherheitsminister und den nationalistischen Koalitionspartner, für die der Aufbau der Detektoren keine große Sache war – ein folgenschwerer Fehler. Schon das Versetzen eines Steins kann auf dem Tempelberg zur Explosion führen. Das weiß auch Netanjahu spätestens seit 1996, als er in seiner ersten Amtszeit den Klagemauertunnel unterhalb von Al Aqsa öffnen ließ und dies zu Unruhen führte, in deren Verlauf viele zu Tode kamen.

          Netanjahu ist kein Kriegstreiber. Aber angesichts der Massendemonstrationen konnte er die Detektoren nicht einfach wieder abbauen, ohne dadurch palästinensischen Widerstand zu belohnen, ohne an der israelischen „Souveränität“ in Jerusalem zu kratzen oder einfach als schwach dazustehen – auch in den Augen der Nationalisten im eigenen Lager.

          Der Regierungschef ist angeschlagen. Insgesamt vier Korruptionsverfahren gegen ihn beanspruchen seine Aufmerksamkeit. Auch enge Berater sind darin verwickelt, und die fehlten im Tempelberg-Konflikt. So wie auch die Vereinigten Staaten fehlten, auf deren Druck Netanjahu früher stets verweisen konnte, wenn eine innenpolitisch unliebsame Entscheidung zu treffen war. Trump aber reagierte spät.

          Israels strategische Allianz bröckelt

          Erst die Ereignisse in Jordanien gaben Netanjahu die Gelegenheit zur Deeskalation: Ein israelischer Wachmann der Botschaft in Amman hatte in Notwehr zwei Jordanier erschossen. Die Öffentlichkeit dort forderte die Bestrafung des Israelis, der zur Geisel zu werden drohte. König Abdullah ist zwar Partner Netanjahus, aber im Volk ist Israel, bestenfalls, unbeliebt. Es kam zum Kompromiss: In Amman durften die Botschaftsangehörigen ausreisen, am Tempelberg werden die Detektoren abgebaut. Das hatten neben Jordanien vehement auch Saudi-Arabien und die Türkei gefordert. Israels strategische Allianz mit der sunnitischen Welt ist möglicherweise doch nicht so eng wie von Netanjahu behauptet.

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          Zehntausende demonstrierten in der muslimischen Welt, und Tausende Palästinenser beteten jeden Abend auf den Straßen Ostjerusalems, meistens friedlich, und die meisten waren keine religiösen Fanatiker. Sie kamen ohne offizielle Anführer zusammen. Denn die säkulare Führung von Abbas hat dort kaum Einfluss. Israel hat ihr die Tätigkeit im annektierten Ostjerusalem verboten. Das macht es für Netanjahu schwerer, Ansprechpartner zu finden, und für die Religiösen einfacher, sich Gehör zu verschaffen. Die Imame vom Tempelberg sind gestärkt, wie auch die terroristische Hamas und die den Muslimbrüdern nahestehende „nördliche Islamische Bewegung“, zu der vermutlich die Attentäter vom Tempelberg gehörten.

          Abbas sah sich Tage nach Ausbruch der Krise gezwungen, ebenfalls den Konflikt zu eskalieren und ein Ende der Zusammenarbeit mit Israel zu verkünden, in der Gewissheit, dass eine Lösung gefunden und ihm Israel auch weiterhin die Hamas vom Leib halten werde. Er hat wahrscheinlich richtig spekuliert.

          Jochen Stahnke

          Politischer Korrespondent für Israel, die Palästinensergebiete und Jordanien mit Sitz in Tel Aviv.

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