https://www.faz.net/-gpf-94ghq

Konflikt im Jemen : Das grausame Ende des Schlangentänzers

Rache für den „Verrat“: Houthi-Kämpfer am Montag nahe Salihs Residenz in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa Bild: AFP

Drei Jahrzehnte lang hatte Ali Abdullah Salih im Jemen geherrscht. Bei dem Versuch der Rückkehr an die Macht wurde ihm die eigene Intrige zum Verhängnis.

          6 Min.

          Ein Tanz mit Schlangen – mit diesen Worten hat Ali Abdullah Salih die Politik im Jemen vor einigen Jahren beschrieben. Und Salih beherrschte diesen Tanz. Er war berüchtigt für seine Finten, seine Gabe, Intrigen zu spinnen, zu manipulieren. Doch sein jüngstes Ränkespiel hat Salih nun offenbar mit dem Leben bezahlt. Am frühen Montagnachmittag meldet der Radiosender des von den Houthi-Rebellen kontrollierten Innenministeriums, der frühere Machthaber sei getötet worden.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.
          Rainer Hermann
          Redakteur in der Politik.

          Der saudische Sender Al-Arabija zitiert Funktionäre aus Salihs alter Staatspartei „Allgemeiner Volkskongress“, die den Tod bestätigen. Zuvor schon kursierten Bilder, die den Leichnam eines Mannes zeigen, der wie Salih aussieht. Eine verwackelte Videoaufnahme zeigt den Toten, gezeichnet von einer schweren Kopfverletzung, einen blutverschmierten Verband um den Bauch. Bewaffnete wickeln den leblosen Körper in eine bunte Decke, zerren ihn von der Ladefläche eines Pritschenwagens, rufen triumphierend „Allahu akbar!“. Im Hintergrund ist Gewehrfeuer zu hören.

          Neue Gegner wurden in die Ecke gedrängt

          Nur vierundzwanzig Stunden zuvor schien es, als sei Salih wieder einmal ein Coup geglückt. Er kündigte sein Zweckbündnis mit den Houthi auf und veränderte damit die Konstellation des seit 2015 andauernden Abnutzungskrieges dramatisch. Mehr als zwei Jahre hatten die von Iran unterstützten Houthi und Salihs Truppen an der Front zusammengestanden. Sie kämpften gegen die Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi und die von Saudi-Arabien geführte Militärkoalition, welche die Hadi-Regierung unterstützt.

          Ein Mann der Intrigen: 2012 musste Ali Abdullah Salih das Amt des Präsidenten nach über drei Jahrzehnten an seinen Stellvertreter abgeben.
          Ein Mann der Intrigen: 2012 musste Ali Abdullah Salih das Amt des Präsidenten nach über drei Jahrzehnten an seinen Stellvertreter abgeben. : Bild: Helmut Fricke

          Am Samstag erklärte Salih in einer Fernsehansprache die Allianz für nichtig und bot der Koalition an, „ein neues Kapitel aufzuschlagen“. Prompt flogen die Bomber des Riader Bündnisses Angriffe auf Houthi-Stellungen in der Hauptstadt Sanaa und ihrer Umgebung. Die Koalition lobte die Kehrtwende des früheren Machthabers, dessen Truppen innerhalb der Stadt vorrückten. Die Houthi, die vor Wut über den „Verrat“ schäumten, waren in die Ecke gedrängt. Wieder einmal hatte sich der Schlangentänzer durch eine Intrige in eine gute Machtposition gebracht.

          Houthi erlangten schnell die Kontrolle

          Aber Salih hatte die Houthi offenbar unterschätzt. Die schiitischen Rebellen aus dem Norden schlugen zurück. Das Innenministerium verkündete am Montag, die „verräterischen Milizen“ seien geschlagen, ihr Anführer getötet worden. Sicherheitsfachleute in Sanaa meldeten schon am Sonntagabend, die Houthi hätten die Kontrolle über mehrere strategisch wichtige Gegenden wiedererlangt.

          Der Ausbruch der heftigen Gefechte am Samstag habe sie zunächst offenbar überrascht, hieß es. Die Houthi schlossen die Fernsehsender, die zum Lager des „Allgemeinen Volkskongresses“ zählen, nahmen Salih damit ein wichtiges Mittel, seine Anhänger zu mobilisieren und die Deutungshoheit über die Schlacht um Sanaa zu übernehmen. Die Häuser der Salih-Familie wurden zu Kriegsschauplätzen. Auch das Haus von Ali Abdullah Salih wurde nach Berichten von Einwohnern unter Beschuss genommen.

          Über drei Jahrzehnte an der Staatsspitze

          Salih wurde 1942 als eines von acht Kindern in der Kleinstadt Beit al Ahmar nahe Sanaa geboren. Die Familie gehörte zwar zur mächtigen Stammesföderation der Haschid, dort aber nur zum wenig bedeutenden Stamm des Sanhan. Seine einzige formale Ausbildung erhielt er in Koranschulen. Salihs Biographie ist ein Beispiel dafür, wie die Armee für viele in der arabischen Welt lange Zeit der einzige Weg eines gesellschaftlichen Aufstiegs war. Im Alter von 16 Jahren wurde er Soldat.

          Weitere Themen

          Angela Merkels letzte Befragung Video-Seite öffnen

          Im Bundestag : Angela Merkels letzte Befragung

          Bei ihrer Befragung im Bundestag hat Bundeskanzlerin Angela Merkel unter anderem das ungarische Gesetz deutlich kritisiert, das Materialien über Homosexualität und Geschlechtsumwandlungen an Schulen zensiert.

          Topmeldungen

          2:2 gegen Ungarn : Ein denkwürdiges deutsches Drama

          Es ist ein Abend des puren Nervenkitzels: Lange droht dem DFB-Team ein Debakel wie bei der WM. Der eingewechselte Leon Goretzka verhindert das EM-Vorrundenaus mit dem späten Ausgleich gegen Ungarn.
          Britney Spears will sich mit nunmehr 39 Jahren von der Vormundschaft ihres Vaters befreien. (Archivbild von 2019)

          Anhörung vor Gericht : Britney Spears fordert Ende von Vormundschaft

          Seit 13 Jahren verwaltet ihr Vater als Vormund das Vermögen von Popstar Britney Spears. Nun äußerte sich die 39-Jährige vor einer Richterin zu dieser Situation: Sie sei nicht glücklich, deprimiert, vor allem aber wütend.
          Hoffnung auf Herdenimmunität: Menschen in der Fußgängerzone der Münchener Innenstadt

          Neue RKI-Zahlen : Immer mehr Delta-Infektionen

          Die Inzidenzen sinken weiter. Doch laut RKI hat sich der Anteil der Delta-Variante bei den Neuinfektionen seit vergangener Woche fast verdoppelt. Dennoch: Die Bundesländer bleiben gelassen.
          Der Berliner Erzbischof Heiner Koch am 29. Januar bei der Vorstellung des Missbrauchsgutachtens für das Erzbistum Berlin

          Missbrauch im Erzbistum Berlin : Ein Erzbischof ringt um Worte

          Die Beschäftigung mit dem Trauma sexualisierter Gewalt höre nie auf, berichtet ein Opfer. Sie müsse sich dafür rechtfertigen, für die Kirche zu arbeiten, berichtet eine Seelsorgerin. Eine Anhörung in Berlin erschüttert Erzbischof Koch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.