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Jemen-Krieg : Verzögerte Siegesfeier

Houthi-Rebellen in Sanaa Bild: dpa

Die jemenitische Regierung dementiert verspätet die Erfolgsmeldungen der Houthi vom Wochenende, die Tausende Gefangene gemacht haben wollen. Tatsächlich scheint der Großangriff der Rebellen auf saudischem Boden schon Wochen zurückzuliegen.

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          Der Propaganda-Gegenschlag kam mit leichter Verzögerung. Am Montag meldete sich Moammar al Eryani, Informationsminister der jemenitischen Regierung, über Twitter zu Wort. Dort bezichtigte er die Houthi-Rebellen der Lüge. Sie würden sich mit „falschen Siegen“ schmücken, um die eigene politische und militärische Erfolglosigkeit zu überdecken und die Moral ihrer Kämpfer zu stärken, twitterte Eryani.

          Christoph Ehrhardt

          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die Houthi hätten am Samstag verkündet, sie hätten im Zuge einer großangelegten Operation auf der saudischen Seite der Grenze etwa 2000 Gefangene gemacht – unter ihnen nicht nur jemenitische Kämpfer aus den Reihen der saudisch geführten Koalition, sondern auch saudische Soldaten und Offiziere. Hunderte Feinde seien verletzt oder getötet worden. Am Sonntag hatte der Houthi-Haussender „Al Massirah“ die Siegesfeiern fortgesetzt. Er strahlte Bilder aus, die den Sieg dokumentieren sollten: Aufnahmen der Gefechte, von erbeuteten oder brennenden gepanzerten Fahrzeugen, außerdem von langen Kolonnen von Gefangenen.

          Einen Beweis für die Zahlen der Houthi lieferten die Bilder jedoch nicht. Ihre Echtheit konnte auch nicht abschließend bestätigt werden. Doch nach allem, was zu dem Vorfall in Erfahrung zu bringen ist, muss sich eher der jemenitische Informationsminister vorwerfen lassen, die Öffentlichkeit zu täuschen. Mehrere unabhängige Beobachter aus dem Jemen und dem Ausland äußerten die Einschätzung, es sei unwahrscheinlich, dass die ausgestrahlten Fernsehbilder Fälschungen sind.

          Ein jemenitischer Kämpfer der Anti-Houthi-Koalition, der an einer nördlichen Front im Einsatz ist, hatte außerdem in einer Sprachnachricht die Meldung der Houthi bestätigt, laut der sich drei Brigaden ergeben haben. Am Montag berichtete ein jemenitischer Sicherheitsfachmann in der von den Houthi kontrollierten Hauptstadt Sanaa am Telefon, dort seien schon seit Wochen unbestätigte Berichte über einen erfolgreichen Großangriff der Houthi umgegangen. Er hat keine Zweifel daran, dass die von Iran geförderten Rebellen den saudischen Streitkräften tatsächlich eine „herbe Demütigung“ zugefügt haben. „Die Houthi haben anscheinend eine Weile gebraucht, um das Bildmaterial für sie vorteilhaft aufzuarbeiten“, vermutet er. Der Angriff sei noch vor der spektakulären Sabotageattacke gegen saudische Ölanlagen vom 14. September geführt worden.

          Auch dazu hatten sich die Houthi bekannt, die derzeit vor Selbstbewusstsein strotzen. In diesem Fall herrschen allerdings erhebliche und berechtigte Zweifel daran, dass tatsächlich schiitische Rebellen die Raketen- und Drohnenattacke verübt haben. Sie versuchten später, die saudische Verunsicherung zu nutzen, und machten Riad das Angebot, ihre Drohen- und Raketenangriffe zu unterlassen, wenn die saudische Luftwaffe im Gegenzug ihre Attacken einstellt, die immer wieder Zivilisten töten. Der Jemen-Sondergesandte Martin Griffiths, der mit zunehmender Verzweiflung nach einem Ausweg aus dem zerstörerischen Abnutzungskrieg im Jemen sucht, lobte den Vorstoß und beschwor den Willen zu einer politischen Lösung. Tatsächlich aber macht der Verhandlungsprozess kaum Fortschritte.

          In der Frage eines Gefangenenaustausches, in der die Rebellen ihre Verhandlungsposition gestärkt haben dürften, kam von den Houthi am Montag eine Geste des Entgegenkommens. Das Internationale Komitee vom Roten Kreuz bestätigte, dass die Rebellen 290 Gefangene freigelassen haben. Ein für Gefangenenfragen zuständiger Houthi-Kader sagte, die Initiative beweise, dass die Houthi es ernst damit meinten, die im Dezember vergangenen Jahres in Stockholm ausgehandelten Übereinkünfte mit Leben zu füllen. Man erwarte nun einen ähnlichen Schritt auf der Gegenseite. Auch diese Vorlage nahm Griffiths dankbar auf und erneuerte seinen Appel so bald wie möglich die Gespräche wiederaufzunehmen.

          Seit mehr als fünf Jahren kontrollieren die Houthi-Rebellen schon die Hauptstadt, aus der sie die Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi im September 2014 vertrieben haben. Nachdem die Rebellen aus dem Nordjemen einen Siegeszug bis in die südliche Hafenstadt Aden angetreten hatte, griff Saudi-Arabien Ende März 2015 an der Spitze einer internationalen Koalition militärisch in den Konflikt ein.

          Der Krieg im bitterarmen Jemen hat die derzeit größte humanitäre Katastrophe der Welt heraufbeschworen. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP) muss dort etwa zwölf Millionen Menschen mit Nahrung versorgen. Laut WFP-Angaben sind unter den insgesamt etwa 30 Millionen Jemeniten etwa zwanzig Millionen von Hunger bedroht. Erst kürzlich hat ein UN-Bericht allen an den Kämpfen beteiligten Akteuren Menschenrechtsverletzungen vorgeworfen.

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