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Bürgerkrieg in Sanaa : Seitenwechsel im Jemen

Auf dem Motorrad in Sanaa: Vorbei an einer Flagge mit dem Bild des früheren Präsidenten Ali Abdullah Salih. Bild: dpa

Seit 2015 tobt der Abnutzungskrieg im Jemen. Er könnte auf ein Ende zusteuern. Über die Allianz des früheren Machthabers mit den Saudis.

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          Als am Wochenende Bewaffnete an die Tür eines Hauses in Sanaa klopften, waren die Bewohner für einen Moment besorgt. Aber es konnte schnell Entwarnung gegeben werden. Die Kämpfer brauchten nur jemanden, der ihnen Kekse und Fruchtsaft aus dem Laden in der nächsten Straße besorgt. Denn die wurde von ihren neuen Feinden kontrolliert. Die Lage in der jemenitischen Hauptstadt ist so unübersichtlich wie brenzlig. An wechselnden Orten flammen Gefechte zwischen Kräften auf, die bis zum Wochenende noch Alliierte waren. Jetzt bekriegen sich die Houthi-Rebellen und die Truppen des früheren Machthabers Ali Abdullah Salih in den Straßen von Sanaa.

          Christoph Ehrhardt
          Korrespondent für die arabischen Länder mit Sitz in Beirut.

          Die von Iran unterstützten schiitischen Houthi und der im Zuge der Arabellion gestürzte Präsident standen lange der Regierung von Präsident Abd Rabbo Mansur Hadi gegenüber. Diese wird von einer Militärkoalition unterstützt, die Irans Erzfeind Saudi-Arabien anführt. Die Koalition hat eine Blockade verhängt, fliegt Luftangriffe, die immer wieder Zivilisten treffen. Die UN warnten vergangenen Monat, es drohe im Jemen die schlimmste Hungersnot, die die Welt seit Jahrzehnten erlebt habe.

          Jetzt hat Salih den Pakt mit den Houthi aufgekündigt. Am Samstag bot er der saudi-arabisch geführten Koalition in einer Fernsehansprache an, ein „neues Kapitel“ aufzuschlagen. Er rief die „Brüder in benachbarten Staaten“ auf, ihre „Aggression“ zu stoppen, die „Belagerung“ aufzuheben und Hilfe für die Hungernden und Verwundeten zuzulassen. Die Koalition zeigte sich erfreut darüber, dass Salihs Lager fortan an führender Stelle dazu beitragen werde, den Jemen vom „Bösen“ aus Iran und seinen „Milizen“ zu befreien. Und während es an den üblichen Fronten des Krieges bemerkenswert ruhig blieb, bombardierte sie Houthi-Stellungen in der Umgebung von Sanaa. Deren Anführer Abd al Malik al Houthi zürnte über den „Verrat“ Salihs. Die Houthi schworen, den Kampf weiterzuführen. Das Kräftegleichgewicht hat sich nun deutlich zu Ungunsten der Houthi verschoben, das militärische Patt ist aufgebrochen.

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          Es ist aber noch lange nicht ausgemacht, dass der seit 2015 tobende Abnutzungskrieg jetzt auf ein baldiges Ende zusteuert. Fürs Erste haben Salih und die Houthi eine weitere Front im komplizierten Jemen-Konflikt eröffnet. Adam Baron, Jemen Experte von der Denkfabrik European Council on Foreign Relations, sagt: „Es ist zu früh, um von einer kriegsentscheidenden Wende zu sprechen.“ Diplomaten und Sicherheitsfachleute hatten stets hervorgehoben, eine Eroberung Sanaas sei nur möglich, wenn zugleich auch im Inneren eine Front eröffnet werde. Salih, der noch immer Armeeeinheiten hinter sich weiß, könnte das Zünglein an der Waage sein.

          Der frühere Präsident ist so gerissen wie skrupellos. Als Staatschef hatte er Krieg gegen die Houthi geführt, dann paktierte er mit ihnen. Schon seit Monaten lasteten Spannungen auf dem Zweckbündnis. Stammeskämpfer strömten nach Sanaa, beide Lager organisierten Massendemonstrationen, und ihre Führer gaben sich alle Mühe, dem jeweils anderen die Schuld an Korruption und wirtschaftlicher Not in die Schuhe zu schieben. In der Hauptstadt wird schon länger berichtet, dass Gefolgsleute Salihs Waffen in die Stadt bringen. Eines der Verstecke vermuteten die Houthi offenbar in der Saleh-Moschee von Sanaa. Dort brachen vergangene Woche die Kämpfe aus. Die Houthi gaben an, sie wollten das Gebetshaus am Tag des Propheten Mohammed mit ihren Leuten schützen. Ihre Gegner warfen ihnen vor, die Moschee besetzen zu wollen.

          Gerade die junge Garde in Salihs alter Staatspartei „Allgemeiner Volkskongress“ setzt darauf, den Konflikt zu eskalieren. Sie hat nicht vergessen, dass im August einer ihrer Spitzenfunktionäre von Houthis an einem Checkpoint getötet wurde. Die Emissäre des früheren Machthabers stehen nach Angaben von Diplomaten schon länger in Kontakt mit den Vereinten Arabischen Emiraten, dem wichtigsten Verbündeten Saudi-Arabiens.

          Salihs früherer Außenminister hielt sich im Sommer lange in Abu Dhabi auf. Sollte die Rechnung des einstigen Präsidenten aufgehen, ginge kein Weg mehr an ihm vorbei, wenn man den Krieg im Jemen mit einem Handel beenden will. Einer seiner Neffen hat sich zu einem der wichtigsten Militärführer aufgeschwungen, es wird darüber gesprochen, die Macht in die Hände eines Militärrates zu legen. Salih, der in Riad und unter den Anhängern von Präsident Hadi verhasst ist, könnte im Hintergrund die Strippen ziehen. Seine Machtambitionen hat er nie aufgegeben.

          „Einige Regieanweisungen für die jetzigen Vorgänge sind schon vor einer Weile geschrieben worden“, sagt Adam Baron. Aber er schließt nicht aus, dass Salih den Machtpoker noch verliert. „Es ist möglich, dass die Houthi sich in Sanaa militärisch behaupten. Dann könnte der Koalition das Lachen im Halse steckenbleiben.“ Riad muss in jedem Fall umsichtig vorgehen. Denn Salih präsentiert sich als der Mann, der jetzt den Volkswillen in die Tat umsetzt. Und er hatte noch vor nicht allzu langer Zeit die „Aggression von außen“ kritisiert und das Recht der Jemeniten auf „Selbstverteidigung“ beschworen. Da wäre es problematisch, wenn Luftangriffe zu seinen Gunsten wieder Zivilisten treffen. Am Sonntag behaupteten die Houthi, sie hätten eine Rakete auf eine Nuklearanlage in den Emiraten abgefeuert. Es könnte sein, dass sie damit genau einen solchen Luftangriff provozieren wollen.

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