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Jean-Claude Duvalier : Der Auferstandene

  • -Aktualisiert am

Bild: David Smith

Haitis früherer Diktator Jean-Claude Duvalier ist auf die Insel zurückgekehrt. Gerüchte, er wolle noch einmal ins höchste Staatsamt gelangen, hat er dementiert. Doch er wäre nicht der erste Diktator in Lateinamerika und der Karibik, der sich ein demokratisches Mäntelchen umhängen möchte.

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          An ihn hatte man am wenigsten gedacht. Doch plötzlich war er da. Er ist nonchalant einem Flugzeug der Air France entstiegen und hat sich erst einmal in einem Luxushotel verschanzt. Haitis früherer Diktator Jean-Claude Duvalier glaubte, seinen Landsleuten einen Dienst schuldig zu sein. „Ich komme, um zu helfen“, sagte er enigmatisch. Mutmaßungen, er könne versucht sein, die verzwickte politische Lage nach den skandalösen Präsidentenwahlen und dem auf unbestimmte Zeit aufgeschobenen Stichentscheid nutzen, um noch einmal, nun jedoch durch Wahlen legitimiert, ins höchste Staatsamt zu gelangen, hat er dementiert. Warum ist er dann aus dem recht bequemen französischen Exil in das vom Erdbeben zerstörte, von einer Cholera-Epidemie heimgesuchte und wieder einmal von politischen Wirren erschütterte Haiti zurückgekehrt?

          „Manchmal scheint es, als sei den Haitianern keine Atempause vergönnt.“ Die amerikanische Außenministerin Hillary Clinton hat ausgesprochen, was vermutlich viele Bewohner des Inselstaates denken, die von den Katastrophen und der immerwährenden Krise betroffen sind. Aber Jean-Claude Duvalier hat ganz offensichtlich der Ehrgeiz gepackt. Er will wohl zeigen, dass er nicht mehr der frivol von seinen Raubzügen lebende Despot, sondern ein geläuterter gütiger Herrscher ist. Er wäre nicht das erste Beispiel eines Diktators in Lateinamerika und der Karibik, der sich ein demokratisches Mäntelchen umhängen möchte. Dem Bolivianer Hugo Banzer etwa ist es gelungen, sich nach seiner Diktatur von 1971 bis 1978 ins Präsidentenamt wählen zu lassen und demokratisch legitimiert von 1997 an noch einmal fünf Jahre lang zu regieren.

          Von Folter, Mord und Totschlag keine Rede

          Es kann auch sein, dass Duvalier klamm ist, weil er die Millionen, die er einst beiseite schaffte, durchgebracht hat und eine neue Herausforderung sucht. Nach seiner Ankunft in Port-au-Prince ging es ihm zunächst darum, zu zeigen, dass er unschuldig ist. Aus seiner Sicht bestand keine Gefahr, dass ihm noch auf dem Flughafen Handschellen angelegt würden, ansonsten hätte er wohl kaum den langen Flug von Paris in die Karibik angetreten. Das Kalkül ist zuerst einmal aufgegangen. Es könnte sich gar um ein abgekartetes Spiel gehandelt haben, als Duvalier vor der Justiz erschien und trotz erster Berichte, er sei festgenommen worden, schließlich als freier Mann in sein Luxushotel zurückkehrte. Es waren ihm nur Vergehen vorgehalten worden, die nach haitianischem Recht nach zehn Jahren verjähren, also vor allem Korruption, illegale Bereicherung und Verschwendung von Staatsgeldern. Es sind sogar schon 25 Jahre vergangen, seit Jean-Claude vom Volkszorn aus dem Land gejagt wurde und nach Frankreich geflohen ist.

          Jean-Claude Duvalier, genannt „Baby-Doc”, genießt die Loyalität ehemaliger Militärs in Haiti
          Jean-Claude Duvalier, genannt „Baby-Doc”, genießt die Loyalität ehemaliger Militärs in Haiti : Bild: AFP

          Von Folter, Mord und Totschlag, den Methoden, mit denen er sich an der Macht gehalten hatte, war bei seinem ersten Tête-à-Tête mit der Justiz keine Rede. Duvalier hat einst das repressive Regierungssystem und die Präsidentschaft von seinem Vater François Duvalier geerbt. Papa Doc, der sich vom Landarzt zum Tyrannen gemausert hatte, bestimmte wenige Monate vor seinem Tod 1971 den Sohnemann zu seinem Nachfolger. Da war Baby Doc gerade 19 Jahre alt und damit der jüngste Staatschef weltweit. Diesen Guinness-Titel hat ihm bisher keiner genommen. Um sich seiner Gegner zu entledigen, bediente er sich der „Tontons Macoutes“, die Papa als Sicherheitsmiliz und eine Art Leibgarde ins Leben gerufen hatte. Das waren die gefürchteten Todesschwadronen der „Onkel mit dem Sack“, die über Nacht Leute verschwinden ließen. Schätzungsweise sind unter den beiden Duvaliers 60.000 Menschen auf brutale Weise gefoltert und umgebracht worden.

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