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Jassir Arafat : Symbol der palästinensischen Nationwerdung

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Weltweit wird nach dem Tode Arafats kondoliert Bild: AP

Er war Gegenspieler und zeitweiliger Partner Israels. Den Terrorismus duldete er zu lange und bekam dennoch 1994 den Friedensnobelpreis. Doch sein Ziel - den unabhängigen Palästinenserstaat - erreichte er nicht. Zum Tode von Jassir Arafat.

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          Durch den Tod Jassir Arafats, des Vorsitzenden der Palästinensischen Befreiungsorganisation (PLO) und der palästinensischen Autonomiebehörde, hat Israel seinen ehemaligen Partner beim Versuch eines Friedensprozesses verloren, der ihm freilich jahrzehntelang, bis zum Abschluß des historischen Gaza-Jericho-Abkommens im September 1993 in Washington, vor allem als Terrorist Nummer eins gegolten hatte.

          Zuletzt hatte Israel den Palästinenser-Führer, quasi zum alten Zustand zurückkehrend, als „politisch irrelevante“ Persönlichkeit stigmatisiert, die als Verhandlungspartner nicht mehr in Betracht komme, und seinen Spielraum stark eingegrenzt, ihn in seinem teilweise zerstörten Hauptquartier in Ramallah, der Muqata, geradezu unter Hausarrest gestellt. Mehrfach stellten hochrangige Mitglieder der israelischen Regierung in den letzten Jahren, seit Ausbruch der zweiten „Intifada“, sogar öffentlich Überlegungen über eine eventuelle physische Eliminierung des palästinensischen Präsidenten an, dem sie die Verantwortung für Terroranschläge palästinensischer Extremisten zuschrieben.

          Kein designierter „Kronprinzen“

          Auf der anderen Seite haben die Palästinenser ihre wichtigste politische Persönlichkeit eingebüßt, einen Führer, der - obwohl umstritten und in letzter Zeit wegen seines autoritären Regierungsstils und der unter ihm grassierenden Korruption häufiger kritisiert - bis zuletzt so etwas wie eine integrierende Kraft innerhalb der zersplitterten palästinensischen Nationalbewegung gewesen ist. Wer wird Arafat nun ersetzen, etwa ein Kollektiv? Einen allgemein anerkannten Nachfolgekandidaten oder einen von Arafat seit längerem deutlich designierten „Kronprinzen“ gibt es nicht.

          Jassir Arafat oder „Abu Ammar” - „Vater des langen Lebens” - ist tot
          Jassir Arafat oder „Abu Ammar” - „Vater des langen Lebens” - ist tot : Bild: AP

          Rahman Mohammed Abdal Rauf Arafat al Qudwa al Husseini, bekannt als Jassir Arafat oder „Abu Ammar“ („Vater des langen Lebens“), liebte das Versteckspielen und politische Finassieren. Dies beginnt mit seiner Biographie. Unzählige Male wurde von palästinensischer Seite verbreitet, er sei in Jerusalem geboren. Dies geschah aus verständlichen Gründen: Ist doch Jerusalem, al Quds al scharif, „das hochedle Heiligtum“, für die Palästinenser, die übrigen Araber und die gesamte islamische Umma so etwas wie ein heiliges Symbol der Selbstbestimmung, Ziel der Erfüllung aller politischen Sehnsüchte. Möglich ist jedoch auch, daß Arafat aus dem Gaza-Streifen oder gar aus Ägypten stammte.

          Mischung aus islamischem Eiferertum und arabischem Nationalismus

          Geboren wurde er (amtlich) am 27. August 1929. Er verbrachte Kindheit und Jugend am Nil und in Gaza, allerdings auch in Jerusalem. Es war eine Zeit, in der religiöse und nationalistische Gefühle in Ägypten hohe Wellen schlugen. Die Entwicklung gipfelte 1952 in der Revolution der „Freien Offiziere“ unter General Nagib und Gamal Abdal Nasser, die den gegenüber dem Ausland hörigen und ausschweifend lebenden König Faruk stürzten und unter dem Beifall gerade vieler junger Ägypter eine gänzliche Neuordnung ihres Landes aus dem Geiste des arabischen Nationalismus, des Sozialismus und auch des Islams anstrebten.

          Jassir Arafat studierte zu dieser Zeit mit anderen Palästinensern Ingenieurwesen in Kairo. Er war angetan von den Muslimbrüdern, die sich gemäß der Lehre ihres 1949 ermordeten Führers und Begründers Hassan al Banna gegen alles Fremde und Überfremdende in Ägypten wie in der Welt des Islams aussprachen. Die Mischung aus islamischem Eiferertum und arabischem Nationalismus, die zu Beginn der Nasser-Ära am Nil vorherrschte, ist Arafat niemals ganz losgeworden, auch wenn er im Grunde immer säkularistisch dachte.

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