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Jassir Arafat : Der Übervater im Würfel

Die letzte Kefije, die Jassir Arafat um seinen Kopf hüllte, liegt momentan in einem versiegelten Raum Bild: dapd

Ein Mausoleum hat er schon, bald bekommt Jassir Arafat auch noch ein Museum. Der tote PLO-Chef erinnert die Palästinenser an bessere Zeiten: als sie noch gemeinsam kämpften.

          6 Min.

          Das Gebäude mit den geschwungenen Betonfassaden, dem getönten Glas und der Kuppel könnte auch als Firmensitz eines erfolgreichen Start-up-Unternehmens durchgehen. Nur das Stück alte Steinmauer mittendrin wirkt wie ein Fremdkörper. Viel mehr ist von der alten Muqataa in Ramallah nicht übriggeblieben, in der Jassir Arafat die letzten Jahre seines Lebens wie ein Gefangener verbrachte. Erst als er sterbenskrank war, gab die israelische Armee ihre Belagerung auf und ließ ihn zur Behandlung nach Frankreich fliegen. Der neue Amtssitz des palästinensischen Präsidenten ist fast fertig gebaut. Einzig Arafats Wohn- und Arbeitsräume hinter den Fenstern der Steinmauer ließen die Arbeiter unangetastet. Abu Amar hat das Herz seines Hauptquartiers bis heute nicht verlassen; so lautet der Kampfname Arafats, den die Palästinenser lieber benutzen.

          Hans-Christian Rößler

          Politischer Korrespondent für die Iberische Halbinsel und den Maghreb mit Sitz in Madrid.

          Nasser al Kidwa gehört zu den wenigen, die in die versiegelten Räume hineindürfen. Dort liegen die letzte Kefije, die er um seinen Kopf hüllte, seine Pistole und sein Transistorradio, wie er sie vor sieben Jahren zurückgelassen hat. Tür an Tür mit dem neuen Zentrum der Macht lebt die Erinnerung an den kleinen Mann fort, der im Rückblick für viele Palästinenser immer größer wird. „Das hier wird das Gedächtnis des modernen Palästinas, das es ohne meinen Onkel nicht gäbe. Je länger er tot ist, desto mehr vermissen die Menschen ihn. Es schmerzt sie, wie zerstritten die Palästinenser sind und was aus der PLO geworden ist“, sagt Nasser al Kidwa. Der Neffe des Palästinenserführers verwaltet dessen Nachlass, er hat große Pläne. Eine Brücke soll bald Arafats Zimmer mit dem neuen Museum verbinden, dessen Rohbau gleich hinter dem Mausoleum steht, in dem der 2004 gestorbene PLO-Chef bestattet ist.

          Der lange Schatten des Vorgängers

          Jahrelang hat Kidwa die Palästinenser bei den Vereinten Nationen vertreten; auch Außenminister war er einmal. Heute hat er sein Büro in einer kleinen Villa am Rand des Regierungsviertels. Dort sitzt die „Jassir-Arafat-Stiftung“. Wie andere Vertraute Arafats hält Kidwa Abstand zur Regierung von Mahmud Abbas, dem derzeitigen Hausherrn in der Muqataa. Stattdessen sammelt er mit seinen Mitarbeitern lieber alles, was von dem bekanntesten Palästinenser übriggeblieben ist, der im vergangenen August 82 Jahre alt geworden wäre: Hunderte Stunden Filmmaterial, Berge alter Fotos.

          Nur die Medaille für seinen Friedensnobelpreis fehlt. Die liegt knapp hundert Kilometer von Ramallah entfernt in Gaza-Stadt. Dort, wo Arafat am Strand seinen zweiten Amtssitz hatte, herrscht heute die Hamas. Die Islamisten haben für das Gedenken an den früheren Fatah-Chef nichts übrig und rücken weder die Nobelmedaille noch viele andere Erinnerungsstücke heraus.

          Ende September sah es so aus, als könnte Arafats Nachfolger Abbas den tiefen Graben zwischen Gaza und Ramallah überbrücken. Seine Bewerbung um die UN-Mitgliedschaft begeisterte alle Palästinenser. Jubel brandete auf, als er in der UN-Vollversammlung triumphierend den UN-Antrag in die Höhe hielt. Arafat war 1974 an gleicher Stelle aufgetreten und hatte sich geweigert, sein Pistolenhalfter abzulegen; Weggefährten behaupten, darin habe eine geladene Waffe gesteckt. Abbas’ emotionale Rede, in der er das lange Leiden der palästinensischen Flüchtlinge und Gefangenen beklagte, erinnerte viele an seinen Vorgänger. Wie ein Volksheld empfingen die Menschen ihren Präsidenten, als er nach Ramallah zurückkehrte: Sie schmückten ihre Autos und Häuser nur noch mit seinem Porträt. Abbas schien aus dem langen Schatten des Übervaters herauszutreten - aber nur für kurze Zeit.

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