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Streit um Inselgruppe : Japanischer Phantomschmerz

Inbe ist der Oberste Priester des Mizuwakasu-Schreins: „Wir fühlen uns von Korea erniedrigt.“ Bild: Patrick Welter

Tokio streitet sich mit Seoul um Felsen in fischreichen Gewässern. Die Bewohner der Küstenregion halten die Erinnerung an die Inseln mit Curry und Folklore wach.

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          Masatake Inbe bückt sich und hebt eine längliche Frucht auf, die von der Scheinkastanie am Schreintor herabgefallen ist. Der Oberste Priester des Mizuwakasu-Schreins trägt traditionelle japanische Kleidung, eine moderne Schirmmütze schützt ihn vor dem leichten frühherbstlichen Regen. Vor vierzig Jahren kam Inbe zurück auf die Oki-Inseln vor der westlichen Küste Japans.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Wie meine Vorfahren wollte ich den Schrein bewahren. Ich übernahm die Verantwortung, die Inselbewohner zu beschützen.“ Mehr als 1000 Jahre alt ist der Schrein. Seit mehr als 600 Jahren diene seine Familie dem Heiligtum, sagt der 69 Jahre alte Geistliche. Er selbst ist der 23. Oberste Priester. Sein erstgeborener Sohn und das Enkelkind stehen bereit, in seine Fußstapfen zu treten. „Seien Sie versichert, dass unsere Familie auch noch in der 25. Generation den Schrein bewachen wird“, sagt Inbe.

          Auch wenn er über die Geschichte der Oki-Inseln spricht, wird deutlich, wie sehr Inbe die Tradition am Herzen liegt. Lange Zeit dienten die Inseln als Verbannungsort für politisch Unerwünschte. Im 13. und 14. Jahrhundert wurden die Kaiser Go-Toba und Go-Daigo hierhin ins Exil geschickt. Der Widerstandsgeist hielt sich offenbar. Stolz berichtet der Priester von einem Aufstand 1868, als die Inseln ihre Unabhängigkeit von den Adelsgeschlechtern wiedergewannen.

          Ein Streit seit Jahrzehnten

          Mit ähnlichem Stolz kommentiert er den politischen Zwist um die Liancourt-Felsen weiter westlich, die von Japan Takeshima und von Korea Dokdo genannt werden. Japan und Korea streiten seit Jahrzehnten, wem die Felseninseln gehören. Seit den frühen fünfziger Jahren sind sie in koreanischer Hand. „Es ist japanisches Territorium, das Korea unrechtmäßig besetzt hat“, sagt Inbe. „Wir fühlen uns von Korea erniedrigt.“

          Bild: F.A.Z.

          Wie in Korea gehen in Japan die Emotionen hoch, wenn es um die kleinen Felseninseln im Japanischen Meer – Ostmeer auf Koreanisch – geht. Beide Länder erheben historisch begründete territoriale Ansprüche auf Dokdo oder Takeshima, die sie wechselseitig nicht anerkennen. In der Größe entsprechen die Inselchen gerade mal 26 Fußballfeldern oder etwas mehr als der Fläche des Hibiya-Parks mitten in Tokio. Der wirtschaftliche Wert liegt in den umliegenden Fischgründen und in vermuteten Bodenschätzen am Meeresgrund.

          Japan unterstellte Takeshima 1905 formal der Präfektur Shimane. Aus koreanischer Sicht ist Dokdo damit das erste Opfer japanischer Aggression. Der Friedensvertrag von 1951, der die japanische Besetzung Koreas und den Zweiten Weltkrieg im Pazifik auch förmlich beendete, wird mit Blick auf Dokdo/Takeshima von beiden Seiten unterschiedlich interpretiert. Seit 2012 der damalige südkoreanische Präsident Lee Myung-bak die Inseln besuchte, hat der Konflikt sich verhärtet. Eine Lösung ist nicht in Sicht. Der Disput findet nicht die internationale Aufmerksamkeit wie die Territorialstreitigkeiten asiatischer Staaten einschließlich Japans mit China.

          Der koreanische Präsident Lee Myung-Bak (r.) besuchte die Dokdo-Inseln 2012.
          Der koreanische Präsident Lee Myung-Bak (r.) besuchte die Dokdo-Inseln 2012. : Bild: AFP

          158 Kilometer sind die Oki-Inseln von Takeshima entfernt. Näher kommt man von japanischer Seite nicht an die Felsen heran. Der Bürgermeister von Okinoshima sieht seine Stadt als Speerspitze in dem territorialen Ringen. Doch nach zwölf Jahren im Amt ist Kazuhisa Matsuda frustriert. Obwohl er sich in Gesprächen mit der Präfektur und der Regierung sehr bemüht habe, gebe es nur Stillstand, sagt der 71 Jahre alte Mann den ausländischen Journalisten, die auf Einladung der Regierung Okinoshima besuchen. Der Bürgermeister mutmaßt, dass es ein Geheimabkommen zwischen Japan und Korea gebe, den Inselstreit nicht anzutasten. Vielleicht sollte man, so Matsuda, versuchen, über Bürgerkontakte Verständnis in Korea für das japanische Anliegen zu gewinnen.

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