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Japan : Kaiser Akihito hält letzte Rede vor seiner Abdankung

  • Aktualisiert am

Kaiser Akihito und seine Frau Michiko Bild: EPA

In einer emotionalen Rede zu seinem 85. Geburtstag verabschiedet sich Akihito von seinen Untertanen. Mit der Abdankung beginnt in Japan eine neue Zeitrechnung. Vorbereitet wird sie im Geheimen.

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          In einer emotionalen Ansprache hat sich Japans Kaiser Akihito vor seiner Abdankung im kommenden Jahr von seinen Untertanen verabschiedet. Er empfinde „großen Trost“, dass sein Land während seiner Regentschaft „frei von Krieg“ geblieben sei, sagte Akihito in einer am Sonntag anlässlich seines 85. Geburtstages ausgestrahlten Rede. Der Monarch erinnerte mit brüchiger Stimme an die „zahllosen“ Menschen, die während des Zweiten Weltkrieges ums Leben gekommen sind.

          Es sei wichtig, nicht zu vergessen, dass „der Frieden und der Wohlstand Japans nach dem Krieg auf den zahlreichen Opfern und unermüdlichen Anstrengungen des japanischen Volkes aufbaut“, sagte Akihito. Diese Geschichte müsse sorgfältig an jene weitergegeben werden, die nach dem Krieg geboren seien.

          Beratung im Geheimen

          Der Kaiser dankte seiner Frau Michiko, die 1959 als erste Bürgerliche in das japanische Kaiserhaus einheiratete, dass sie stets an seiner Seite gestanden habe. Der allgemein verehrte Akihito wird im kommendem Jahr als erster japanischer Monarch seit mehr als zwei Jahrhunderten abdanken. Sein ältester Sohn, Kronprinz Naruhito, soll den Chrysanthemen-Thron am 1. Mai besteigen.

          Mit seiner Abdankung endet nicht nur Akihitos 30-jährige Herrschaft, sie bedeutet auch den Beginn einer neuen Zeitrechnung in Japan. Hinter verschlossenen Türen wird bereits beraten, wie die neue Ära heißen könnte.

          Japan ist das einzige Land der Welt, in dem noch ein kaiserlicher Kalender verwendet wird. Während anderswo das Jahr 2018 geschrieben wird, ist in Japan Heisei 30, das 30. Jahr der Herrschaft von Kaiser Akihito. In Regierungsdokumenten und Zeitungen ist diese Zeitrechnung immer noch üblich, während in gedruckten Kalendern häufig die gregorianische und die kaiserliche Zeitrechnung parallel verwendet werden.

          „Mit dem kaiserlichen Kalender ist leichter, sich an eine Zeit zu erinnern“, sagt Kunio Kowaguchi, der Chef des größten japanischen Kalenderherstellers Todan. „Zum Beispiel erinnern wir uns daran, dass es zu Beginn der Heisei-Ära war, als Japans Wirtschaftsblase platzte.“

          Das nahende Ende der Heisei-Zeit war auch ein Grund für die Regierung, die Todesstrafen gegen 13 Mitglieder der Aum-Sekte zu vollstrecken, die 1995 den tödlichen Giftgasanschlag auf die Tokioter U-Bahn verübt hatten. Tokio wollte offenbar vor Beginn der neuen Ära einen Schlussstrich ziehen.

          Seit Einführung dieser Zeitrechnung im 7. Jahrhundert gab es fast 250 „gengo“, wie die Epochen auf Japanisch heißen. Früher riefen Kaiser auch mitten in ihrer Regentschaft eine neue Ära aus, zum Beispiel, um nach Naturkatastrophen einen Neustart zu markieren. In jüngerer Zeit umfasste eine Ära jedoch immer die gesamte Herrschaft eines Kaisers.

          Je näher die Thronbesteigung von Kronprinz Naruhito im Mai 2019 rückt, desto heftiger wird über den Namen der neuen Zeit spekuliert. Die meisten Kaiser herrschten bis zu ihrem Tod. Akihitos Ankündigung abzudanken lässt den Fachleuten viel Zeit.

          Das Volk jubelt dem Kaiser zu.
          Das Volk jubelt dem Kaiser zu. : Bild: dpa

          Die Namensfindung ist Aufgabe der Regierung, nicht des Palastes, und findet im Geheimen statt. Ursprünglich sollte der neue Namen noch in diesem Jahr verkündet werden, doch schon seit längerem gab es Gerüchte über eine Verzögerung.

          Die Bezeichnung für eine Ära muss genauen Anforderungen genügen: Sie muss aus zwei Schriftzeichen bestehen, die einfach zu lesen und zu schreiben sind, darf jedoch keine bekannten Namen enthalten. Und weil der Name einer Ära als heilig gilt, darf auch kein Vorschlag, der in der Vergangenheit verworfen wurde, wieder in die Debatte eingebracht werden.

          Junzo Matoba weiß von den Schwierigkeiten zu berichten. Der ehemalige Regierungsmitarbeiter saß mit am Tisch, als Ende der 1980er Jahre ein Name für die derzeitige Ära gesucht wurde. „Ich musste im Geheimen arbeiten“, sagt der 83-Jährige.

          Matoba beriet sich mit Experten für asiatische Geschichte und Literatur. 1988 waren schließlich drei mögliche Namen gefunden. Als Kaiser Hirohito am 7. Januar 1989 starb, entschied sich ein Gremium aus Fachleuten und Politikern rasch für Heisei, was „Frieden nach innen und außen“ bedeutet.

          Es wird vermutet, dass der Regierung bereits eine Liste favorisierter neuer Namen vorliegt. Doch bis jetzt ist keiner nach außen gedrungen. Matoba ist gespannt, wie die Ära des künftigen Kaisers Naruhito heißen wird – genauso wie die meisten seiner Landsleute. „Japaner lieben Neuanfänge“, sagt Matoba. „Eine neue Ära – eine neue Gesinnung.“

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