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Japan : Viele Reaktoren vom Netz, viele Fragen offen

  • -Aktualisiert am

Man spart Strom: Tokio im Halbdunkel Bild: AFP

Kann Japan ohne den Strom aus Kernkraftwerken leben? Atomkraftgegner sagen ja, die Industrie ist skeptisch. Das alte Vertrauen in die Sicherheit der Kraftwerke ist dahin.

          6 Min.

          Die Bewohner der 35-Millionen-Metropole Tokio-Yokohama sind in diesem Winter nicht mehr zum Stromsparen verpflichtet. Obwohl nur ein Fünftel der Atomreaktoren in Japan in Betrieb sind, hat die japanische Regierung die Energiesparverordnung, die für den Sommer im Vertriebsbereich des Fukushima-Betreibers Tepco galt, aufgehoben. Im riesigen Verkehrsnetz der Metropole fahren jetzt wieder alle Züge. Bahnhöfe und andere öffentliche Gebäude sind wieder genauso hell beleuchtet wie vor dem 11. März. Unternehmen, die teilweise ihre Produktion auf Wochenenden verlegen mussten, damit Engpässe vermieden werden können, arbeiten wieder nach normalem Zeitplan. Nur für Westjapan und Kyushu wird es in diesem Winter eine Empfehlung zu freiwilligem Energiesparen geben.

          Über Jahrzehnte haben Politiker und Energiekonzerne den Japanern erklärt, dass Japan nicht ohne Atomenergie auskommen könnte. Dann kam der 11. März und die große Atomkatastrophe. Nicht nur Fukushima Daiichi ging vom Netz, viele andere Reaktoren wurden abgeschaltet, wegen Erdbebenschäden, zur regulären Überprüfung oder zu den von der Regierung verordneten "Stresstests" zur Feststellung der Erdbebensicherheit. Jetzt sind von 54 Reaktoren neun am Netz, bis Ende dieses Jahres werden es noch einmal sechs weniger sein. Im Februar kommenden Jahres werden nur noch zwei in Betrieb sein. Da eine Energiekrise bislang ausgeblieben ist, fragen sich manche Japaner, ob das Land nicht vielleicht doch ohne Atomstrom existieren kann.

          Verzicht auf Atomenergie nicht möglich

          "Die kritische Zeit kommt im nächsten Sommer, wenn die Nachfrage nach Strom am höchsten ist", sagt Takeo Kikkawa, Ökonom von der Hitotsubashi-Universität in Tokio. Wenn im nächsten Mai auch die letzten noch arbeitenden Reaktoren für Sicherheitsüberprüfungen vom Netz gehen, dann werde die Versorgung schwierig. Es könnte kurze Versorgungsunterbrechungen geben, was für die Industrie fatal wäre. Wenn eine sichere Stromversorgung nicht gewährleistet ist, bestehe die Gefahr, dass Unternehmen Japan verlassen.

          Das Industrieministerium kalkuliert mit einer Deckungslücke von 9,2 Prozent im Sommer. Das japanische Institut für Energiewirtschaft rechnet mit einem Versorgungsengpass im nächsten Sommer von 7,8 Prozent in der Zeit des höchsten Verbrauchs. Um eine Notreserve von fünf Prozent zu haben, müsse Japan im nächsten Sommer 13 Prozent weniger Strom verbrauchen als früher. Schon jetzt dringt besonders der Energiekonzern Kepco auf eine Wiedereinschaltung der Reaktoren. Das Unternehmen, das Westjapan beliefert, vertreibt zu 50 Prozent Atomstrom und fürchtet bald schon Engpässe.

          Japan könne kurzfristig nicht auf die Atomenergie verzichten, sagt Kikkawa, der dem Beratergremium des Industrieministeriums zur Planung der neuen Energiepolitik angehört. Die 25 Wissenschaftler des Gremiums sollen bis zum nächsten Sommer einen Vorschlag für die zukünftige Energiepolitik in Japan ausarbeiten. Die Meinungen über einen künftigen Energiemix gingen aber weit auseinander, sagt Kikkawa.

          Die Notwendigkeit des Energiesparens

          Vor dem Unfall von Fukushima kamen etwa 30 Prozent des Stroms in Japan aus Kernkraftwerken. Jetzt sind es zwischen zehn und 15 Prozent. Der größte Teil des Stroms, etwa 80 Prozent, kommt jetzt aus Wärmekraftwerken, zehn Prozent liefern Wasserkraftwerke. Andere erneuerbare Energien sind noch kaum im Einsatz. Das größte Potential geben die Wissenschaftler der Erdwärme.

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