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Japan und die Atomkraft : Ende der „guten Beziehungen“?

  • -Aktualisiert am

Japanische Atomkraftgegner protestierten am vergangenen Sonntag in Fukushima Bild: dapd

Schon bald könnte es passieren, dass alle Atomkraftwerke Japans abgeschaltet sind. Das macht vielen Sorgen. „Japan braucht die Kernenergie“, sagt Industrieminister Kaieda. Aber die Akzeptanz für Atomkraft schwindet.

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          Für Japans Industrieministerium wird die Sache dringlich. Von den 54 Atomreaktoren des Landes sind derzeit 35 nicht am Netz. 18 Reaktoren sind wegen Inspektionen abgeschaltet, bei 17 wurden nach dem Beben vom 11. März Erdbebenschäden festgestellt. Bei weiteren 19 Reaktoren steht demnächst eine Inspektion an, für die sie abgeschaltet werden müssen. Wenn in der nächsten Zeit keine Reaktoren wieder in Betrieb genommen werden, könnte es sein, dass bis zum Frühjahr nächsten Jahres alle Atomkraftwerke in Japan vom Netz sind.

          Die Regierung fürchtet um die Sicherheit der Versorgung, kurz vom dem Juli, wenn der Energiebedarf am höchsten ist. Vor dem Unfall in Fukushima kamen 30 Prozent des japanischen Stroms aus Kernkraftwerken. Allein in West-Japan wird, wenn keiner der derzeit abgeschalteten Reaktoren wieder eingeschaltet wird, elf Prozent des normalen Stromaufkommens nicht zur Verfügung stehen.

          „Japan braucht die Kernenergie“, sagt Industrieminister Kaieda. Die Industrieproduktion könnte stagnieren. Zusätzliche Kosten entstehen durch Energiegewinnung aus Gas, Öl und anderen Ressourcen. Dies werde sich auch auf die Verbraucher auswirken. Wenn alle Kernkraftwerke im nächsten Jahr vom Netz gehen, könnte dies einen Rückgang des Bruttosozialprodukts um 2,2 Prozent bewirken, berechnet das japanische Zentrum für Wirtschaftsforschung.

          Industrieminister Banri Kaieda: „Japan braucht die Kernenergie”
          Industrieminister Banri Kaieda: „Japan braucht die Kernenergie” : Bild: dapd

          Japans Industrieminister wirbt für die Wiedereinschaltung der AKW

          Auch die Atomaufsichtsbehörde will eine schnelle Wiedereinschaltung der 35 Reaktoren. Sie hatte die Betreiber von Kernkraftwerken am 7. Juni angewiesen, Vorkehrungen für schwere Unfälle zu treffen. Nach Inspektionen an den Standorten in der vergangenen Woche bescheinigte sie jetzt allen elf japanischen Kernkraftwerksbetreibern, dass sie ausreichende Vorsichtsmaßnahmen für den Fall schwerer Unfälle getroffen hätten.

          Industrieminister Kaieda will jetzt persönlich die Präfekturen bereisen und die Verwaltungen bitten, ihre Zustimmung zu einem Wiederanfahren der Reaktoren zu geben. Diese Zustimmung der lokalen Behörden ist rechtlich nicht nötig. Doch haben sich die elf Energie-Unternehmen in Sicherheitsabsprachen mit den örtlichen Behörden verpflichtet, die Meinung der lokalen Bevölkerung „so weit wie möglich“ zu berücksichtigen. Somit wäre es schwierig, die Reaktoren gegen den Willen der lokalen Behörden wieder ans Netz zu nehmen.

          Wachsender Widerstand gegen die Atomkraft

          Die Akzeptanz der Kernkraft war bis zum Unfall von Fukushima von Standort zu Standort unterschiedlich. Während es in einigen Orten Protestbewegungen und Gerichtsklagen gab, wurden in anderen, nicht zuletzt aufgrund der wirtschaftlichen Vorteile, die die Region von einem Kernkraftwerk ziehen kann, die Kernkraftwerke gern geduldet. Aber selbst in den Präfekturen, die sich rühmten „gute Beziehungen“ zwischen Kernkraftwerk und Bevölkerung zu haben, ist der Widerstand gegen die Atomkraft gewachsen.

          Den Versicherungen der Betreiber wird nicht mehr ohne weiteres Glauben geschenkt, und die Präfekturen wollen Garantien von der Regierung haben, dass die Sicherheit gewährleistet ist. Weil im Bericht der Atomaufsicht für die Internationale Atomenergiebehörde zugegeben wird, dass die Leitlinien für einen schweren Unfall seit dem Jahr 1992 nicht aktualisiert wurden, fordern die Präfekturen neue Leitlinien, die aufzustellen aber eine Weile dauern wird.

          Es gelten veraltete Sicherheitsleitlinien in veralteten Kernkraftwerken

          Der Gouverneur der Präfektur Fukui, die mit 13 Reaktoren die meisten Japans hat, fordert strengere Sicherheitsmaßnahmen. Er sorgt sich besonders über das Alter der Reaktoren. Von den 13 Reaktoren in Fukui sind acht mehr als 30 Jahre alt. Auch die Reaktoren im Unglückskraftwerk Fukushima waren über 30 Jahre alt. Der Gouverneur von Saya verlangt mehr Informationen. Der Gouverneur von Hokkaido sagt, eine volle Aufklärung über die Sicherheit sei noch nicht in Sicht. Der Gouverneur von Shizuoka will sogar eine Präfektur-Kommission zur unabhängigen Überprüfung von Kernkraftwerken einrichten.

          Mehrere Stromversorger haben sich dem Beispiel des Betreibers Tepco angeschlossen, der Industrie, private und öffentliche Haushalte dazu auffordert in diesem Sommer den Stromverbrauch um 15 Prozent zu reduzieren, um Stromausfälle zu vermeiden. Tepco versorgt auch den Großraum Tokio. Manche Regionen bezweifeln, ob solche Einsparungen überall nötig sind. So ist in Osaka das dortige Stromunternehmen Kansai Electric „Kepco“ in die Kritik geraten. Der Gouverneur von Osaka will nicht mit Kepco kooperieren und hat zuerst eine genaue Kalkulation verlangt.

          Die Stromversorger, die die Versorgung gewährleisten müssen, stehen von vielen Seiten unter Druck. Verärgert reagierten sie auf die Aufforderung von Ministerpräsident Kan an das Unternehmen Chubu Electric, sein Atomkraftwerk Hamaoka vom Netz zu nehmen, obwohl zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen wurden. Ärger hat bei den Stromversorgern auch ausgelöst, dass sie Tepco bei den Entschädigungszahlungen unterstützen sollen. Die Regierung hat einen Fonds angekündigt, der aus Regierungsgeldern und von den anderen Stromversorgern bestückt werden soll. Noch ist nicht bekannt, wie groß der Anteil der Unternehmen sein soll. Auch Aktionäre der Energieunternehmen machen sich schon zum Angriff auf die Kernkraft bereit. Ministerpräsident Kan hat aber jetzt klar gestellt, dass er nur eine langsame Wende in der Energiepolitik anstrebt. Auch er will, dass die Reaktoren möglichst bald wieder ans Netz gehen.

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