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Franziskus in Japan : Papst stellt zivile Nutzung der Kernenergie in Frage

Der Papst mit dem japanischen Ministerpräsidenten Shinzo Abe Bild: EPA

Bei seinem Besuch in Japan trifft Papst Franziskus auch Opfer des Atomunfalls von Fukushima vor acht Jahren. Er zeigt Sympathie für die Forderung der japanischen Bischöfe, die Kernenergie aufzugeben.

          3 Min.

          Am Sonntag hatte der Papst auf seiner Japanreise in den Städten Nagasaki und Hiroshima, die von amerikanischen Atombomben am Ende des Zweiten Weltkrieges zerstört worden waren, den Besitz von Atomwaffen als unmoralisch gegeißelt und das Aus für Atomwaffen gefordert. Soweit ging Franziskus am Montag hinsichtlich der zivilen Nutzung der Kernenergie nicht. Doch stellte er bei einem Treffen mit Opfern der Tsunami-Katastrophe und der Kernschmelze im Atomkraftwerk Fukushima Daiichi die zivile Nutzung der Kernenergie in Frage.

          Patrick Welter

          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          „Solange die sozialen Verbindungen in den lokalen Kommunen nicht wiederhergestellt sind und solange die Menschen nicht wieder ein sicheres und stabiles Leben führen können, wird der Fukushima-Unfall nicht völlig geklärt sein“, sagte der Papst. „Das schließt, wie es meine brüderlichen Bischöfe in Japan betont haben, die Sorge über die andauernde Nutzung der Kernenergie mit ein.“

          Mit diesen Worten schloss sich Franziskus dem Aufruf der katholischen Bischöfe Japans, die Atomkraftwerke abzuschaffen, zwar nicht an. Doch zeigte er Sympathie für ihre Forderung. Nach der Kernschmelze in dem Kraftwerk, die Zehntausende Menschen aus ihrer Heimat vertrieb, hatte die katholische Bischofskonferenz Japans in einer Erklärung den Verzicht auf die Nuklearenergie als imperativ geboten bezeichnet, weil Japan für Erdbeben und andere Naturkatastrophen anfällig sei.

          Schon zuvor hatte der Papst in seiner Ansprache betont, dass der Mensch Teil der Umwelt sei und Fragen wie Krieg und Flüchtlinge, wirtschaftliche Ungleichheit und Herausforderungen des Umweltschutzes nur zusammen und nicht voneinander isoliert behandelt werden könnten. „Wichtige Entscheidungen werden nötig sein über die Nutzung der natürlichen Ressourcen und vor allem über künftige Energiequellen“, sagte der Papst.

          Franziskus besucht auf dieser Reise vom 19. bis 26. November Japan und Thailand.

          In der Folge des Reaktorunfalls in Fukushima Daiichi am 9. März 2011 waren in Japan zunächst alle Atomkraftwerke abgeschaltet worden, um sie sicherheitstechnisch aufzurüsten. Die Regierung von Ministerpräsident Shinzo Abe hält in dem an natürlichen Energieressourcen armen Land eine begrenzte Nutzung der Atomenergie jedoch für unvermeidlich. Derzeit sind neun Reaktoren in Betrieb. 25 Reaktoren, unter ihnen sechs im havarierten Fukushima-Kraftwerk, sollen endgültig stillgelegt und abgebaut werden. Für 16 Reaktoren haben die Betreiber neue Betriebsgenehmigungen beantragt. Die Wiedereinschaltung der Kernkraftwerke stößt in Japan vielfach auf großen Widerstand in den betroffenen Kommunen.

          Franziskus beschrieb die Sorge vor der zivilen Nutzung der Kernenergie als einen Teilaspekt in der Aufarbeitung der Katastrophe vor acht Jahren. Damals hatte zunächst ein Erdbeben eine Tsunami-Welle ausgelöst, der etwa 18.500 Menschen zum Opfer fielen. Diese Flutwelle setze im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi die Notstromversorgung außer Kraft, was schließlich zur dreifachen Kernschmelze führte. Etwa 160.000 Menschen flohen damals vor der Strahlung. Mehrere Zehntausend von ihnen können noch heute nicht in ihre Heimat zurückkehren.

          „Jeder Tag war so schmerzhaft, dass ich sterben wollte“

          Das Treffen mit Opfern des Unglücks soll auf ausdrückliche Bitte des Papstes zustande gekommen sein, nachdem Terminschwierigkeiten eine Reise des Oberhaupts der katholischen Kirche in die Katastrophenregion verhindert hatte. In einem Konferenzsaal in Tokio kam der Papst mit einigen hundert Bewohnern der betroffenen Gegenden zusammen, von denen drei ihre Erlebnisse schilderten. Toshiko Kato, der Leiter eines katholischen Kindergartens in Miyako, berichtete, dass zusammen mit dem Rest der Stadt auch sein Haus weggeschwemmt worden sei.

          Es werde viel länger als seine Lebenszeit dauern, bis die verstrahlten Länder und Wälder wiederhergestellt seien, sagte der Teenager Matsuki Kamoshita, der zum Zeitpunkt des Unglücks acht Jahre alt war. „Die Erwachsenen sind dafür verantwortlich, uns alles über die radioaktive Verseuchung und deren mögliche Schäden für die Zukunft zu erklären, ohne etwas zu verbergen. Ich will nicht, dass sie vor uns sterben und uns angelogen oder die Wahrheit nicht zugegeben haben“, sagte Kamoshita.

          Der Jugendliche kritisierte die Regierung, die die Opfer im Stich lasse. Emotional beschrieb er die Folgen der Evakuierung für seine Familie. Sein Bruder habe oft geweint, sein Vater sei physisch und psychisch erkrankt und könne nicht mehr arbeiten. Er selbst sei in der neuen Umgebung gemobbt worden. „Jeder Tag war so schmerzhaft, dass ich sterben wollte.“

          Franziskus forderte mehr Unterstützung für die Opfer. Manche Bewohner fühlten sich vergessen, obwohl sie mit verseuchten Böden und Wäldern und den langfristigen Folgen der Strahlung leben müssten. Das wichtigste sei, mahnte der Papst, die Krankheit der Gleichgültigkeit zu überwinden. „Wir müssen zusammenarbeiten, um das Bewusstsein zu stärken, dass wenn ein Mitglied unserer Familie leidet, wir alle leiden.“

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