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Japan nach Mord an Abe : Die Partei und die Sekte

Ministerpräsident Fumio Kishida (Mitte unten) mit Kabinettsmitgliedern Bild: Bloomberg

Japans Ministerpräsident forciert eine Trennung zwischen seiner Regierungspartei und der religiösen Sekte der Vereinigungskirche. Denn seine Umfragewerte sind auf einem bisherigen Tiefstand.

          2 Min.

          Vier Wochen nach dem Mord an dem früheren Ministerpräsidenten Shinzo Abe müht sich die japanische Regierung, den Reputationsschaden abzuwenden. Mehr als 80 Prozent der Befragten erklärten gerade in einer Umfrage des öffentlich-rechtlichen Fernsehsenders NHK, dass die regierende Liberaldemokratische Partei (LDP) ihre Verbindungen zur religiösen Sekte der Vereinigungskirche, die sich heute Familienföderation für Weltfrieden und Vereinigung nennt, nicht hinreichend offengelegt hätte.

          Patrick Welter
          Korrespondent für Wirtschaft und Politik in Japan mit Sitz in Tokio.

          Das Misstrauen der Bevölkerung sitzt tief. In den vergangenen drei Wochen fiel die Zustimmung zum amtierenden Ministerpräsidenten Fumio Ki­shida von 59 auf 46 Prozent. Zu der Unzufriedenheit tragen auch steigende Covid-Infektionen in der siebten Welle und die hohe Inflation bei. Ein so schlechtes Umfrageergebnis hatte Kishida, der seit Oktober regiert, noch nie.

          Der Mord an Abe zieht so unerwartete Folgen nach sich. Der Täter gibt nach den Informationen, die von den Ermittlungsbehörden durchgestochen wurden, als Grund für die Tat seine Wut auf die religiöse Sekte an. Seine Mutter soll schon vor vielen Jahren 100 Millionen Yen (etwa 720.000 Euro) an die Sekte gespendet und die Familie in den finanziellen Notstand geführt haben. Auf Abe geschossen haben will der Täter, weil er über das Internet von einer Verbindung des einflussreichen Politikers zu der Sekte erfahren hatte.

          „Keine systematischen Beziehungen“

          Als sei ein Schleier weggezogen worden, löste diese Information in Japan einen unerwarteten Fokus der Massenmedien auf die Beziehungen der Vereinigungskirche zur Politik aus. Was manchem japanischen Journalisten zuvor als gut bekanntes Geheimnis im Regierungsviertel galt, stand plötzlich im grellen Scheinwerfer der Öffentlichkeit.

          Politiker wie Verteidigungsminister Nobuo Kishi, der Bruder von Abe, sahen sich gezwungen, offenzulegen, dass Mitglieder der Vereinigungskirche sie im Wahlkampf unterstützt hatten. Andere Politiker erinnerten sich an Grußworte für Veranstaltungen der Sekte oder ihr nahestehende Organisationen oder an geleistete Spenden.

          Nach manchen Recherchen haben Dutzende führende Politiker der LDP und auch von einigen anderen Parteien Beziehungen zu der Sekte. Wieder und wieder versicherte der Generalsekretär der Liberaldemokraten, Toshimitsu Motegi, dass es keine systematischen Beziehungen der Partei zu der Sekte gebe und künftig nicht geben werde.

          Das Bild nimmt schon wieder Schaden

          Kishida versuchte am Mittwoch mit einer vorgezogenen Kabinettsumbildung einen Befreiungsschlag. Der Ministerpräsident beansprucht, dass er nach bestem Wissen selber keine Beziehungen zu der Vereinigungskirche unterhalte. Von den Ministern im neuen Kabinett verlangte er, dass sie mögliche Beziehungen untersuchten, offenlegten und künftig Vorsicht im Umgang mit „sozial problematischen“ Organisationen übten. Das hätten alle neuen Minister zugesichert.

          Ob das reicht, um das Misstrauen einzudämmen, ist fraglich. Die Opposition kritisierte, dass die versprochene umfassende Aufklärung ausgeblieben sei. Als schädlicher für die Regierung dürfte sich erweisen, dass am Tag des Befreiungsschlags Medien wie die Zeitung „Asahi“ berichteten, dass mit dem neuen Kabinett immer noch vier Minister Beziehungen zur Vereinigungskirche gehabt hätten.

          Dabei ging es etwa um Spenden lokaler Parteiorganisationen der Politiker von etwa 200 Euro vor diversen Jahren an die religiöse Sekte. Verteidigungsminister Kishi wurde zwar wegen schwerer gesundheitlicher Leiden abgelöst, bleibt Kishida aber als Sicherheitsberater erhalten. So nimmt das von Kishida intendierte Bild der Reinigung schon wieder Schaden.

          Der Präsident der japanischen Sektion der Familienföderation, Tomihiro Tanaka, kritisierte es am Mittwoch vor Journalisten als „unglücklich“, dass Kishida die Bande zu Politikern kappen wolle. Tanaka verwies darauf, dass die Mitglieder der Föderation als Bürger das in der Verfassung garantierte Recht hätten, sich an Wahlen aktiv zu beteiligen. Die Föderation unterstütze keine spezifische Partei, doch seien wegen ihrer antikommunistischen Haltung mehr Schnittmengen mit Politikern der LDP gegeben.

          Kishida wies einen Einfluss der Familienföderation auf die Liberaldemokraten zurück. „Wir erkennen nicht, dass die Politik der früheren Vereinigungskirche einen unzulässigen Einfluss auf die Politik der LDP gehabt hat“, sagte er.

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