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Japan : Kabeljau mit ein wenig Becquerel

Fischerei in Japan Bild: dpa

In Fukushima fließt das zur Kühlung der Reaktoren verwendete Meerwasser in die See zurück. Es strahlt - aber die Radioaktivität wird schnell verdünnt. Die EU ordnete am Donnerstag Zwangskontrollen für japanische Lebensmittel aus 12 Präfekturen an.

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          Wie stark werden das Meer und die Fische durch die nukleare Katastrophe in Fukushima in Mitleidenschaft gezogen? Diese Frage stellt sich spätestens, seit vor wenigen Tagen auf dem Reaktorgelände die Radioaktivität des ins Meer zurücklaufenden Wassers gemessen wurde, das zum Kühlen auf und in die havarierten Reaktorblöcke versprüht worden war. Denn die Messwerte, einige zehntausend Bequerel pro Liter, deuteten auf eine erhebliche Belastung insbesondere mit dem leicht flüchtigen Isotop Jod-131 hin. Die japanischen Grenzwerte waren um ein Vielfaches überschritten: Diese liegen bei zweitausend Bequerel pro Kilogramm für das häufige – allerdings innerhalb von wenigen Wochen vollständig zerfallende – Jod-131 und bei 500 Bequerel pro Kilogramm für die sehr viel längerlebigen Cäsium-Isotope.

          Joachim Müller-Jung

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.

          Wie die Betreiberfirma Tepco am Donnerstag mitteilte, wurden im Meer in der Nähe der Abflussrohre der Reaktorblöcke eins bis vier Werte von Jod-131 gemessen, die teilweise etwa 150 Mal so hoch waren wie die normalen Werte im Kühlwasser. Das sei die höchste Belastung, die bis jetzt im Meer gemessen wurde, hieß es von Seiten Tepcos. Doch obwohl die Strahlendosen im Meer vor Fukushima vermutlich weiter zunehmen, bleiben Tepco und die japanische Regierung dabei: Die Werte bedeuteten derzeit keine Gefahr für die menschliche Gesundheit.

          Eine Belastung von 15 Bequerel pro Liter

          Um die Bedeutung dieser Belastung für Umwelt und Fischerei sicher einschätzen zu können, muss auch die Situation nahe der Küste möglichst schnell erfasst werden. Die Zehn-Kilometer-Sperrzone vor den Reaktoren ist allerdings auch für Messschiffe eine Tabuzone. Am Mittwoch und Donnerstag war nun ein staatliches japanisches Forschungsschiff vor der Küste Fukushima in rund dreißig Kilometer Entfernung vom Reaktorgelände unterwegs und hat in Abständen von je zehn Kilometer Proben entnommen. Die Ergebnisse hat das Hamburger Johann-Heinrich-von-Thünen-Institut, das Deutsche Institut für Fischereiökologie, am Donnerstag von den japanischen Wissenschaftlern erhalten. Im Schnitt wies das Meerwasser demnach eine Belastung von 15 Bequerel pro Liter auf. Das sei ein Indiz, „dass das radioaktive Material im Wasser schnell verdünnt wird“, sagt Ulrich Rieth vom Thünen-Institut. Wie viel von dem strahlenden Material sich an der Küste, im Ökosystem Meer und letzten Endes auch in Speisefischen ansammelt, darüber will derzeit niemand spekulieren. Das hängt entscheidend davon ab, welche Mengen an Radionukliden in den kommenden Tagen noch aus den beschädigten Reaktorgebäuden mit Kühlwasser und Partikelwolken austreten.

          Der Fisch aus der Gegend wird inzwischen stichprobenartig vom japanischen Gesundheitsministerium überprüft, und auch die deutsche Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner kündigte an, dass man Fischimporte aus Japan messen lassen wolle. „Die Belastung der Fische vor der Küste wird man erst in ein paar Wochen zuverlässig messen können“, sagt Ulrich Rieth, weil die Tiere erst allmählich die radioaktiven Isotope, insbesondere das langsam zerfallende Cäsium-137, im Körper anreicherten. Starke Belastungen erwartet man allerdings offenbar nicht. Das Thünen-Institut hält laut Rieth jedenfalls an seiner seit Anfang der Woche fast täglich wiederholten Einschätzung: „Eine gravierende Kontamination in Fischen im Pazifik ist nicht zu erwarten.“

          In der Ostsee hat sich einiges von dem Cäsium gehalten

          Die Forscher stützen sich dabei vor allem auf Erfahrungen britischer Forscher und eigener Messungen nach dem Tschernobyl-Unglück. In der britischen Wiederaufbereitungsanlage Sellafield, dem ehemaligen Windscale, waren in den Jahren zwischen 1965 und 1985 regelmäßig Cäsium belastete Abwässer in die Irische See eingeleitet worden. Mitte der siebziger Jahren sollen es gewaltige 5000 Billionen Bequerel gewesen sein – Bequerel steht für die Zahl der radioaktiven Zerfallsereignisse pro Sekunde. Inzwischen, so das Thünen-Institut, liege die Konzentration aus der Irischen See im Kabeljau bei höchstens zehn Bequerel pro Kilogramm. Der europäische Grenzwert liegt bei sechshundert Bequerel pro Kilogramm.

          Auch in Nord- und Ostsee haben die Hamburger Fischereifachleute nach Tschernobyl einen deutlichen Verdünnungseffekt festgestellt. Besonders in der Nordsee, in der es einen regen Wasseraustausch mit dem Nordatlantik gibt, waren die beträchtlichen Mengen Radionuklide, die Anfang Mai 1986 mit den radioaktiven Wolken und dem Regen eingetragen worden waren, schnell verschwunden. Schon knapp ein Jahr nach der Katastrophe sei „praktisch kein Tschernobyl-Cäsium mehr nachweisbar“ gewesen, so die Fachleute des Thünen-Instituts. Das Jod-131 war da schon komplett zerfallen. In der Ostsee – fast eine Art Binnengewässer ohne großen Wasseraustausch – hat sich dagegen einiges von dem Cäsium gehalten. Der Dorsch von dort enthält etwa so viel radioaktives Cäsium wie die Fische aus der Irischen See.

          Überbleibsel der oberirdischen Atomwaffentests

          Außer dem Cäsium-137 aus Tschernobyl spielt bei der Strahlenbelastung des Meeres und seiner Bewohner eine andere Art künstlicher Hintergrundstrahlung eine Rolle: die Überbleibsel aus den oberirdischen Atomwaffentests der fünfziger und sechziger Jahre. Zwischen 1951 und 1963 wurden offiziell 390 Kernwaffen gezündet – 205 von den Amerikanern, 160 von der Sowjetunion, 21 durch Briten und vier von französischen Militärs. Die Teilchen, darunter viele langlebige Radionuklide wie Strontium-90, waren bei solchen Explosionen bis in hohe Luftschichten geschleudert und mit den Höhenwinden rund um den Globus verteilt worden. Über die freigesetzten Mengen hat man lange gestritten. Deutliche Spuren dieser Ablagerungen sind aber bis heute als „Hintergrundstrahlung“ praktisch überall auf der Welt in Böden und im Wasser nachzuweisen. Laut einem offiziellen amerikanischen Bericht, den das Gesundheitsministerium 2002 im Kongress vorgestellt hat, sollen – statistisch gesehen – allein in den Vereinigten Staaten bis zu elftausend Krebsopfer auf die Wirkung des radioaktiven Fallouts nach den Kernwaffentests zurückgehen.

          Die Spuren von radioaktivem Spaltmaterial aus Fukushima, die Strahlenforscher dieser Tage bei Atmosphärenmessungen in Europa erwarten, werden sehr viel schwächer sein. Sie dürften diese fürs Erste nur knapp über der Nachweisgrenze der extrem empfindlichen Messgeräte liegen. Von ernsten Gesundheitsrisiken redet bisher niemand.

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